OHNE ERINNERUNGEN

Ich habe Erinnerungen
die ich manchmal lang vergesse -
Die Erinnerung an diese Erinnerungen
finde ich, ein Schwarzer Hesse,
illuminierend.
Denn sie erinnern mich
an eine Zeit, bevor es mich gab
und sie machen mich deren teilhaftig,
weil ich ihren Geist in mir hab,
neu orientierend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUKUNFT TEILEN

Die Sammelbeschwerde
gebleichter Knochen
schreiend im Leib der Erde
warnend ununterbrochen…

stumm ungehört, ungeachtet
ein Schweigen mit Gewicht
ideologisch ausgeschlachtet
Totenköpfe grinsen nicht

Nie gelänge es einer Religion
diese kleine Welt zu regieren -
Freier Wille bedeutet Rebellion
Wann werden sie es kapieren?

Leben und leben lassen
Vergangenheit und Zukunft teilen
Knochen können nicht mehr hassen,
verkalkte Reue, unfähig zu heilen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE STERNE UND WIR

Die nachtkalten Graphitaugen der Fernen
schielen abgehoben nach uns,
nach der Vergeblichkeit unseres Tuns,
unserer Sehnsucht nach ihnen, Sternen.

Distanziert, wie einsam müssen sie sein?
Denken sie oder denken wir?
Wer Billionen Jahre lebt, ist ein Souvenir
des Verlangens gefangen im All ganz allein,

denken wir. Aber sie denken es sich anders.
Wer keine Zeit hat, sich lang zu binden,
lang zu teilen, lang Tiefe zu empfinden,
ist dessen Leere, Einsamkeit, nicht besonders?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN MEINER ERINNERUNG

Gesichter ohne Namen,
Wo sind Eure Namen alle hin?
Die Jungen, die Damen,
Mir einst so nah, es war alles drin.
Wo sind Eure Namen heute alle hin?

Ab und zu eine Wiederbegegnung
Mit einer fremden Person jedes Mal.
Nur in meiner Erinnerung
Leben meine Vertrauten immortal,
Bleiben bei jedem Besuch original.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE NACHT IST MEINE

Die Nacht ist meine Freundin
Sie trennt sich von mir jeden Morgen
versöhnt sich mit mir wieder jeden Abend
schenkt philosophische Ohren meinen Sorgen.
Wie eine Wand, undurchdringlich
schiebt sie sie zwischen mich und gestern
macht mich bereit für die Zukunft täglich
als wären sie und meine Seele Schwestern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN DAS VERTRAUEN WEG IST

Wenn das Vertrauen weg ist
Suchst Du vergeblich nach der Brücke
Zwischen uns. Weisst Du, was schräg ist?
Neues Vertrauen schliesst die Lücke
Nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WORTLOS VERSTEHEN

Dein Schweigen spricht Volumen
Deine Augen sind zwei Radiosender
Deine Hände bewegen meine Emotionen
Wortlos verstehen wir einander.

Wird das Schweigen als Brücke reichen?
Doch wer kann Brücke mit Brücke vergleichen?
Gib mir ein Zeichen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WEIL WIR ALLE VERSCHIEDEN SIND

Was ist die Basis des Zusammenseins
Wenn wir alle verschieden sind:
Vermengen des Wassers und des Weins:
Ist Gesellschaft - wie Liebe - blind?

Tastende Blicke begegnen sich in der Menge
Besuchen sich über die Entfernung einer Sehnsucht
Halten sich fest, ignorieren das sonstige Gemenge
Kurz, dann verlieren den Mut, ergreifen die Flucht.

Alles, was uns zusammenbringt,
Trennt uns von voneinander:
Internet, Mobilität, wer zu schnell eindringt
Ineinander verpasst das Gespür füreinander.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIESELBEN GEDANKEN

Du siehst anders aus als alle anderen
Läufst in der Menge mit allen anderen
Denkst die selben Gedanken wie alle anderen
Was bist Du?

Deine Tausend Hintergründe lenken ab
Von dem Wesentlichen im Vordergrund
Du Mensch unter Mitmenschen, gleichartig -
Das bist Du.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN WIR

Die Wir Frage
Wie eine Nachtblume
Wächst und wächst und wächst in mir -
Bruder, wo ist Dein Wir?

Ist es eine Erweiterung deren Wir?
Oder liegt es jenseits dessen?
Das Wir, das Ihr gemeinsam aufbaut,
Bist Du ein Teil von ihm?
Bruder, wer ist Dein Wir?

Ist es Mensch oder Sache?
Hat es Abstände und Abteilungen inne?
Ein Wir unter uns und ein Wir nebeneinander?
Geht es von mir aus oder wartet es auf mich?
Ergänzen oder spiegeln wir uns?
Bruder, was ist Dein Wir?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung