FRANKFURT AM MAIN

Ich höre Dich
wenn ich aus dem Fenster rausrieche
spüre Deine Gedanken Gefühle
in den Augen fremder Menschen
auf Deinen Gassen immer
rufst Du mich bist verlangend bist
besitzergreifend eine zweite Stimme
in meinem Kopf wenn ich nachts
im Bett liege denke ich denke nichts
fühle ich fühle etwas weiß nicht was
empfinde Dich mein gewordenes Zuhause.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDES KREIS

Du kannst Dich nicht umdrehen
Ohne Deinen Freund zu verletzen
Denn er steht Dir nah – zu nah –
Du wirbelst ihn aus dem Gleichgewicht.

Der Trick ist, weiter zu gehen
Wenn er Dein Freund ist, trefft Ihr Euch wieder –
Du kannst Dich nicht umdrehen, ohne
Zu finden Deines Freundes Gesicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWACH ABER STARK

Du kannst mit einem Menschen
tausendmal streiten

Von einem Menschen unzählige Male
verletzt und enttäuscht sein

Dich von dem Menschen hundertmal
trennen, schwören, Du bist jetzt allein

Dich an diesem Menschen anscheinend
ohne Erfolg ständig arbeiten

Seinetwegen gezwungen sein, Deine
Lebenspläne zu verschieben -

und ihn trotzdem unsterblich lieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSCHMELZUNG

Siehe, das ist kein Kelch,
Da ist mein Herz,
Tunke es in Deins. Welch
Freude, welch Schmerz,
Jede innige Verschmelzung.

Lass mich in Dich hinein
Ich kann Ecken erreichen
Hart und kalt wie Stein
Und schmerzlich sie aufweichen
In erfüllender Verschmelzung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SICH VERTRAUENSVOLL UNTERHALTEN

Jedes Herz braucht einfach jemanden
mit dem es reden kann. Mehr nicht.
Ein Herz, reif wie der Herbst, unverstanden,
wohnt im Erwachsenen und Kind, außer Sicht.

Außer sich vor Einsamkeit in sich.
Niemanden haben, mit dem es reden kann.
Der Winter naht, schweigsam, dürftig,
durstig nach der Zweisamkeit Gespann.

Denn jenseits der Gewalten
von Pflichten und Ideologien und Trieben:
Sich lieben ist sich vertrauensvoll unterhalten
und sich vertrauensvoll unterhalten ist sich lieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AB STOSS

Leben stoßen aufeinander
stoßen einander ab
hinterlassen einen Abdruck aufeinander
nehmen einander mit. Bis ins Grab.
Viele Menschen, die uns früh verlassen
bleiben mit uns bis ans Ende unserer Tage.
Viele in unserem Leben ewige Insassen
werden zunehmend unsichtbar und vage.
Wenn Du zu lange verbunden bleibst,
wo Du nicht mehr hingehörst,
trennst Du ebenselbe Verbindung, schreibst
Dich ab, Du ergänzt nicht mehr, Du störst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERE LÄNDER, GLEICHE SITTEN

Die Welt besteht aus Wiederholungen
meiner Wohnstadt
mit unterschiedlichen Schattierungen.
Kein Ort hat
Menschen, die nicht nach selbem Schema
lieben und leiden und lügen,
als wären unsere Geister von einem Thema
lediglich Auszügen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE RICHTIGE

Beinahe hätte ich Dich vergessen
Obwohl Du in mir wohnst
Doch Du überdauertest alle meine andern Interessen
Weil Du in mir wohnst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SPRECHEN IST DAS ZIEL VERFEHLEN

Möchte so sehr schweigen
denn sprechen ist das Ziel verfehlen.
Nicht verstanden zu sein -
nichts kann das Herz mehr quälen.
Ein langes, lachendes, leeres Gespräch -
so leicht ist es, mich zu bestehlen.
Lange, lachende, leere Gespräche…
bringen mich dazu, mich zu stählen.
Meine Seele hungert und dürstet,
was willst Du mir als Nahrung empfehlen?
Würdest Du mit mir schweigen?
Und was würdest Du mir dabei erzählen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HABEN OHNE SEIN

Du darfst aus meiner Kultur schöpfen
Daraus was Neues machen
Ich werde aus Deiner Kultur Sachen schöpfen
die alt waren, ich werde sie neu machen.

Nicht die Kulturen bilden die Trennlinien
sondern die Ansichten, die behaupten
es gäbe zwischen uns unüberquerbare Linien -
Alle Andersdenkenden tun sie enthaupten.

Ist es so schwer, leicht zu sein?
Ist es so leicht, schwer zu sein?
Besteht unser Sein nur aus Haben
ist alles, was wir haben, nur schweres leeres Sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung