FAMILIE

Ihr seid mir Anker

Ohne Ruder kam ich an
und konnte nicht anlegen
Steuerlos drohte ich,
weiter zu driften,
heimatlos…

Dann kamt Ihr
aus der Tiefe meiner Sehnsucht
stiegt Ihr aus

Und wurdet mir Anker
hier an diesem Ufer
hier in diesem Land.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMERZ ALS SCHMERZMITTEL

Ich vermisse Dich
so sehr, daß
die Sehnsucht mir genügt
Sie ernährt mich Tag und Nacht
so daß die Wunde Deiner Abwesenheit
längst geheilt wurde durch meine
immer anwesende Sehnsucht nach Dir.

Stell Dir vor,
ein Tag ginge vorbei, in dem
ich an Dich kein einziges Mal dachte…
Das wäre wahrlich der traurigste Tag meines Lebens
schlimmer noch als Deine Abwesenheit
schlimmer noch als mein Schmerz
schlimmer noch als Dein Tod.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINE ZWEITE NATUR

Sie trug den Herbst in ihren Haaren
meine Lieblingsjahreszeit
Egal wo wir waren
Egal wann wir waren
trug sie meine Freude in sich allezeit
als wäre sie meine Liebe nicht nur
sondern auch meine zweite Natur.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINE ENTSCHEIDUNG

Ich stand allein in der Nacht
und, weil ich stand,
war es keine Nacht mehr

Ich lag mit vielen mitten am Tag
doch, weil ich lag,
war es Nacht und kein Tag mehr.

Und es war meine Entscheidung,
zu lieben oder zu hassen,
zu töten oder leben zu lassen,
zu identifizieren mit der gesamten Menschheit
oder nur mit ausgewählten Rassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UNSICHTBARE MACHT DER FREUNDSCHAFT

Freunde
wohnen in meinem Herzen
wie Empfindungen in einem Geist
wie Gedanken in einem Kopf
wie Wesenhafte in der Natur

Keiner sieht sie
Keiner kennt sie
Doch gäbe es sie nicht
gäbe es kein Herz und keinen Geist
keinen Kopf, keine Natur und keine Freude.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE LANGE LEBENSREISE

Sie mit Krücken
Er mit Liebe beladen langsam
schleppte ihre beiden Taschen
hinter ihrem Rücken –
beide müde lächelnd, schweigsam.

Erreichten ihren Sitzplatz
mit getauschten Blicken so linder
daß sie mich überraschen
setzten sich nebeneinander –
jeder dem anderen ein ewiger Schatz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEINWAND ERDE

Sag mir nicht,
daß in der Natur keine Maler wohnen
unsichtbar in ihren Wesen
sichtbar allein in ihren Werken.

Sag mir nicht,
daß alle Kunstwerke mit den Namen
ihrer Schaffer versehrt sind. Nein.
Die Schöpfung ergötzt sich an Anonymität.

Deine schönsten Werke
werden zum intimsten Teil des Gesamten
und selbst Du weißt nicht mehr,
welche davon einst von Dir stammten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZENSMENSCHEN

Manch ein Mensch
wandert lang
auf verschlungenen Wegen
über Berge und Täler,
Gefühlsschlünde
Empfindungsflüsse
Gedankenwälder,
macht geduldig die schmerzvolle
Reise aus Deinem Herzen in Deinen Kopf,
nicht wissend, ob Dein Herz
ihn vergessen haben wird, wenn er
endlich, plötzlich
in Deinen Gedanken auftaucht.

Überrascht, erstaunt, vielleicht
ein bisschen verunsichert
starrst Du ihn an,
vielleicht ein bißchen überglücklich
betrachtest Du sein Walten in Deinem Kopf,
wunderst Dich wie das sein kann,
daß ein Mensch so lang in Deinem Herzen
unbemerkt leben kann, Wurzeln schlagen,
und dann eines Tages, wie ein Baum,
in Deinen Kopf hinaufwachsen
und taucht wie ein alter Gedanken auf,
– Verwundert denkst Du nur:
Wie tief ist das Herz, wie weit, und geheimnisvoll.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄLTER UND JÜNGER

Am Anfang fühlte sich Deine Hand
alt, uralt, bekannt, wie eine Erinnerung
von einer Zeit älter als meine Erinnerung
– deshalb hielt ich sie fest, Deine Hand.

Am Ende fühlt sich Deine Hand
neu, frisch, wie eine Verheißung
einer Zeit längst nach unserer
– deshalb halte ich sie fest, Deine Hand.

Als ein altes Ehepaar fingen wir
in unserer Jugend an.
Das Leben veränderte uns.
Als ein junges Ehepaar werden wir alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU ODER ICH

Ich folge Dir
wie ein Pfad, der
bereits da ist, da liegt
Egal wie Du Dich wendest und biegst
entkommst Du mir nicht
Egal wie ich mich wende und biege
komme ich immer bei Dir an…
Doch ob DU der Pfad bist
oder ICH, das weiß ich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung