ÄHNLICH UNÄHNLICH

Wenn die nationalen Grenzen verschwinden,
was passiert den persönlichen?
Wenn die nationalen Grenzen sich verhärten,
werden wir uns dennoch verbinden.

Es ist leicht, Menschen zu finden
Es ist schwer, Menschen zu erreichen
Menschen und Länder und Völker
Abstrakt und abstrakter und noch abstrakter

Am Abstraktesten ist die Gleichart –
Auf welcher Ebene wird sie erfasst?
Egal wer Du bist, in irgendeinem Bereich habe
ich etwas, was voll und ganz zu Dir passt.

Aber das Gedicht ist noch nicht zu Ende
Denn egal wie gleichartig wir sind –
Rasse, Kultur, Geschlecht, Neigung –
irgendwo tief in uns sind wir einander fremd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN GEDULDETES SEIN

Duldung.
Klischee innewohnend ich nicht versteh.
Anhaftende Anschuldigung.
Wer kam auf die Idee,
das Bleiben-dürfen eines Mitmenschen
als eine Duldung zu bezeichnen?
Wer kam auf die Idee,
die Würde eines Menschen zu nehmen
und im Schutz-gewähren ihn zu schämen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM SPIEGEL SUCHEN

Ein Junge lief nach langer Wanderung Heim
um seinem Vater zu erklären,
warum er fort gegangen war –
Doch der Vater war mittlerweile schon gestorben,
ohne erfahren zu haben…

Daß sein Sohn gegangen war
auf der Suche nach ihm, dem Vater,
und irrte so lange herum, bis er
die Stimme des Vaters in seinem Herzen vernahm –
denn er war nun ein Mann geworden.

Er schritt nun durch die Tür hinein
Das Haus war leer
An der Wand stand ein Spiegel
Er schaute lang in das Glas hinein
und die Augen seines Vaters, sie schauten zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MOMENT AUFNAHME

Ich bin nur ein Passant
Deshalb werfe ich mich so ganz
in das hiesige Geschehen
denn ich möchte Euch in meinem Herzen mitnehmen
wenn ich weiter gehe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UMZUG

Deine Augen
Sie saugen meine Seele
Aus meinem offenen Mund

Die Menschen in unserer Nähe
Sie hören mich laut lachen
Während Du mir beim Umzug zu siehst.

Ich ziehe in Dich um
Ich ziehe in Dich ein
Ich ziehe Dich langsam aus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUCH GLEICHART

Du magst denken
Ich sehe nicht aus wie Du
Dennoch
Ich kann Dich repräsentieren
denn ich muss nicht so aussehen wie Du
um die Dinge so zu sehen wie Du
und für die selben Dinge aufzustehen wie Du –
Selbst Du musst das einsehen.

Was ich Dir abverlange,
das verlange ich auch mir ab
und das biete ich Dir ganz an:
Tiefer zu blicken als Deine Farbe
Mehr zu sehen als Deine Herkunft
Weiter zu spüren in Dich hinein
als Deine Orientierung,
sondern spüren bis in Deinen Geist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURT

Lang trug ich meine Heimat
wie eine ungeöffnete Reisetasche
auf meinem Rücken

Unbequem und unbequem machend
Stach ich in jeder Menschenmenge heraus
Denn ich wollte mich nie bücken

Schmerz ist ein Auseinandersetzen mit Freude
Einsamkeit ein Ringen mit Gesellschaft
Davor kann sich kein Ankömmling drücken

Doch auch die Morgendämmerung kommt irgendwann an
und die Stadt, die Dir einst so schwer war,
wird Dich zum Schluß beglücken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEIDNACHTEN

Während wir Geschenke auspacken
packen sie sich in Cartons ein.
Das Licht unserer Weihnachtskerze
reicht nicht bis nach Moria.
Und vielen anderen Orten.

Dann fange ich an, zu zu hören…
Ich lausche der Musik der Weihnachtsbäckerei
Ich schenke meine Ohren dem Wind
Und dem Gast den bitteren Wein,
doch die Stimmen aus Moria sind zu weit weg.

Ich höre sie nicht.
Denn es ist Weihnachten.
Fest der Glücklichen und der Freudigen.
Erwachsener stopfen sich voll, und versuchen
nicht zu denken an hungernde Kinder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STATUSMELDUNGEN

Wir besuchen einander täglich
mit unseren Augen,
streifen Welten, Anderer Innenwelten,
wo ihre eigenen Gesetze gelten,
streicheln Eitelkeiten,
berühren mit fremdem Blick fremdes Geschick,
sind einander für 24 Stunden ein bißchen näher
und danach ferner als je zuvor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUMENSCH

Ich bin hart
wie eine scharfe wunde Kante
und schieb gegen die Grenze einer Klischee
und verschieb Dein Weltbild
einzig und allein durch mein Da-sein.

Wie das Jahr kurz vor Silvester
Wie der Morgen kurz vorm Sonnenaufgang
Wie eine Empfindung, kurz bevor sie Gedanken erweckt
Steht die Welt heute vor Veränderung –
Und WIR sind die Veränderung, Du und ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung