ZUSAMMEN REIFEN

Zu erst Ärger, dann Faszination
Dann Widerstand, dann Resignation

Dann Glück, voller Hoffnung
Dann Schmerz, aus Enttäuschung

Dann Nachdenken, bis zum Begreifen
Dann Verständigung: zusammen reifen

Und jetzt bleiben nur zwei Dinge
Hochzeitskleidung und Hochzeitsringe.

– Che Chidi Chukwumerije.

FORTFÜHREND

Als mein Bruder
Im Autounfall starb
Quälte mich der Gedanke
Nach seinem letzten bewussten Gedanken.
An was, an wen, woran, hat er zum Schluß gedacht?
Denn er war noch bei Bewusstsein
Als man ihn vom Wrack löste
Und in den Krankenwagen legte
Doch bis sie im Krankenhaus endlich ankamen
War er bereits abgeschieden, und fort.

Es gibt Tage, an denen ich erlebe
Daß die Zeit wirklich still steht
Doch der Mensch, der stets erlebt
Der ist’s, der seine Wege geht.

– Che Chidi Chukwumerije.

ABEND

Schön
Wie der Schnee
Auf dem Laube liegt

Schön
Wie das Reh
Über den Schnee fliegt

Schön
Wie der Tautropf’
Zittert in der Sonne Glut

Schön
Wie dein Kopf
Auf meiner Schulter ruht.

– Che Chidi Chukwumerije

DEM BACHE GLEICH

Dein Körper sprach
Mein Körper brach
Fließe, fließe, kleiner Bach…

Das Harte geht unter
Das Zarte wird bunter
Meine Liebe, sei munter
Und mach’s dem Bache nach…

– Che Chidi Chukwumerije

ABSTAND

Unsere Beziehung
Basiert auf Distanz
Nicht Nähe, sondern Lücken
Ist die Seele von Tanz

Elektrizität
Knistert mit Widerstand
Gefangen sind wir
Außer Rand und Band

Und nebenbei entsteht
Wenn im Vorbeigehen
Ewigkeit und Augenblick
Sich kurz verstehen

Ein kurzer Schrei
Ein Zusammenfassen
Von Genießen und Verlassen
Von Entfesseln und Erfassen.

– Che Chidi Chukwumerije.

GIFT

Mein Herz ist kein Herz
Es ist eine grimmige Grollsuppe
Mein Blut ist kein Blut
Es fließt wie in einer Zeitlupe
Allein die Tinte aus deinem liebevollen Stift
Dein Wort, deine Stimme, deine Art, deine Schrift
Sind mir Erquickung, Hoffnung und Gegengift.

– Che Chidi Chukwumerije.

Dieses Gedicht habe ich als Teil eines Interviews geschrieben, das in Sabine’s Lifestyle-Kolumne veröffentlicht wurde. Das Interview kann man hier lesen.

IRGENDWANN IST ALLES GUT

Ich kannte mal lange eine Liebe
Sie nahm mir unabsichtlich alles – eines Abends
Saßen wir neben einander im Wohnzimmer
Im Schweigen. Irgendwann fragte sie mich leise:
„Schatz, was ist los?“ – Und ich dachte langsam
An alles, was ich für diese Liebe unfreiwillig aufgeopfert hatte
Und lang sagte ich nichts, bis der Schmerz sich ausgebrannt hatte
Dann schloß ich das Buch der Vergangenheit und sagte:
„Mach dir keine Sorgen; es ist alles gut.“
Und wir umarmten uns lange.

– Che Chidi Chukwumerije.

DUETT

Er bot ihr Rhythmus an
Aber sie war eine verlorene Melodie
Und sehnte sich nach Harmonie
Egal, ob Frau, ob Mann

Er brachte seine Hüfte näher
Sie konnte nicht widerstehen
Langsam fingen sie an, sich zu drehen
Tiefer atmend, immer höher

Und ihre verlorene Melodie
Vom Rhythmus angezogen
Taktvoll ausgezogen
Verstummte vor lauter Harmonie.

– Che Chidi Chukwumerije.

UNSICHER

Du hast meine Wunde aufgeleckt
Und den Zeigefinger hineingesteckt
Ohne es zu wissen

Vertrautes, zu intim zu teilen
Inniges, zu unerreichbar zu heilen
Verschlossen im Gewissen

Um Ernsteres zu bewachen
Verwendet man viel Lachen
Hin und her gerissen

So lautet die Frage bei jeder Begegnung
Von Schüchternheit und Erregung:
Tschüß sagen oder küssen?

– Che Chidi Chukwumerije.

MEIN WORT

Ich werde dich lieben
Als wärest du geblieben
Das letzte Wort auf Erden

Behüten, liebkosen
Befruchten mit grossen
Subtilen Gedanken und Wünschen

Benutzen für Hohes
Benutzen für Rohes
Verschweigen mein jedes Versprechen

Aus deiner Tiefe
Schöpfen Begriffe
Und Dich widerwillig verraten.

Che Chidi Chukwumerije.