SEHNSUCHT NACH ANKUNFT

Wie noch nicht bis zu Ende durchdachten Gedanken
stürmten wir bis ans Ende der Welt
fanden dort und an jedem dazwischen liegenden Ort
keinen Sammelpunkt unserer Würde,
wurden zu Würdeträgern ohne Tragenden oder Tragbaren
oder Getragenen.
Jetzt ertragen uns fremde Heimatschützer und wir sie,
wir vertragen uns gegenseitig gerade noch
mit Mühe und lästiger Würde.

Schnell erkannten wir den Betrug unserer Gedanken
die uns hinaus trugen aber nicht hinein –
das ist die Art von unfertigen Gedanken
sie sammeln ihre Punkte unterwegs und lassen sich verändern
getragen von dem Wunsch nach Erfüllung.
Da sind wir also, Wunsch- und Wundenträger
ohne Linderung durch unsere verstreuten Kinder
die unseren zerstreuten Gedanken nicht folgen können
sie aber irgendwie vollenden müssen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DU BIST MEINE SONNE

Die Erde ist echt schräg
liegt mal Kopf mal Fuß zur Sonne
und hört nicht immer zu

Es liegt in meiner Natur
nie ganz bei Dir zu sein
Ein Teil von mir bleibt Dir immer fern

Aber damit Du weißt
daß ich Dir immer noch gehöre
liegt das andere Ich Dir um so näher.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RÜCKKEHR INS DUNKEL

Und so kehrt der Totalitarismus zurück
als heldenhafter Ritter in glänzender Rüstung –
und die dankbaren Völker auf ihrer Brüstung
aus äußerer Angst und innerer Verwüstung
schenken ihm jubelnd ihre Freiheit zur Begrüßung
und fassen nicht ihr Glück.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER APRILBERG

Der Schnee ist den Gipfeln gewichen
Er ist geschmolzen
und mit einem leisen Seufzer
nach Hause gegangen.

Hier und da wie auf einer Leinwand
behält der überraschte Berg
eine zarte Erinnerung an seinen Gast
langsam verblassend

Und der blaue Himmel hoch da oben
der schiebt die Wolken auseinander
blickt mit Verlangen auf den Berg
und vermisst den Schnee.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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DER GESCHMACK DES ENDES

Wie oft schon liefertest Du
den zweiten Schlag
und bereutest es bereits
am nächsten Tag?

Wie oft schon ertrugst Du
den letzten kuss
und littest, denn es schmeckte so
sachlich wie ein Muß?

Irgendwas hat sich geändert
Die Welt wird nimmermehr dasselbe sein
Das alte ist vergangen

Kein’ zweiten Schlag, kein’ letzten Kuss
Zieh einfach weiter mit neuem Geist
und reinem Verlangen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DONNERWETTER

die Igbo nannten ihn Amadioha
die Yoruba nannten ihn Shango
die Normannen nannten ihn Thor

alle, unabhängig von einander
erblickten ihn den Donner schaffend
jahrtausendelang hoch im Himmel…

die Christen kamen und sagten
ihn gab es nicht und niemals
ihn kann und hat es nie gegeben…

alle, die ihn im Blitzlicht des Donners sahen,
sahen definitiv Illusionen – oder lügten
oder beteten falsche Götter an

alle, unabhängig von einander,
über unüberwindbare Distanzen,
ja, und jahrtausendelang. Donnerwetter.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HIER KOMMT DIE NACHT

Mit einem Schlag
fiel ein Schatten über die Welt

wie Donner ohne Blitz
Regen ohne Brise
Nacht ohne Mond
Wüste ohne Oase
Garten ohne Blumen

Menschen ohne Herz
Lachen ohne Lächeln
und ohne Liebe
und ohne Leben
und ohne Licht

Manche sagen
wir leben bereits im dritten Weltkrieg
und wissen es nicht –
Alle wissen, wer der Feind ist
doch keiner weiß, wer der Feind ist.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EBENBILD

Meine Hautfarbe ist wie ein Magnet
der heimliche Blicke zieht…
Sind die Blicke deshalb so dunkel
weil meine Farbe dunkel ist?

Meine Haare sind Magnetstreifen
die meine Daten gespeichert halten –
Erscheine ich Euch so unleserlich
weil meine Haare so anders sind?

Mein Eigentum ist ein schwarzes Loch
das Neid und Gier anzieht;
Greift Ihr so gerne und listig nach ihm,
weil der Schwerkraft leicht zu erliegen ist?

Wer behauptet, es hat sich alles geändert
weil das jetzt eine neue Generation sei,
der ist entweder blind oder er lügt. –
Das Bild passt sich der Ebene zeitlich an.

Die neue Generation ist der alten
ihr Ausdruck und ihre klare Aussage
und, wenn sie sich ertappt fühlen,
ihre empörte Ausrede.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE LUFT IST EMPFÄNGLICH

Düstere Gestalten laufen langsam auf dem Gehweg –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Ich möchte sie aufhalten; sie flüstern: Geh weg!
wir haben unser Eigenleben nun – nach unserem Sinn.

Lichte Gestalten schweben leise durch die Nachbarschaft –
Sind das unsere Empfindungen unterwegs wohin?
Sie vertreiben die düsteren. Jeder Nachbar schafft
ein Teil der allgemeinen Stimmung – ganz nach seinem Sinn.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ES NIMMT UNAUFFÄLLIG ABSCHIED

Lange nach dem Du Deinen Lieblingsmensch
das letzte Mal sahst
realisierst Du erst
daß das das letzte Mal war
so unauffällig wie es war

Lange nach dem Du an Deinem
Lieblingsort
das letzte Mal warst
realisierst Du plötzlich
daß das das letzte Mal war
so unscheinbar der Abschied war

Lange nach dem Du eine
schöne stinknormale
Zeit oder Lebensphase hattest
dämmert es Dir langsam
daß das die beste Zeit Deines Lebens war
und Du warst so unaufmerksam.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung