SPÄTLING

Spürst Du
Wie ich – auch –
Das langsame karg
Und immer kärger Werden
Unserer zweiten Haut?

Kaum finden die zitternden
Strahlen des Tagesmondes Raum
Sich auf einer bunten Baumkrone auszuruhn
Morgens, erfriert unser Lächeln wieder
Bevor es überhaupt auftaut.

Spürst Du
Wie ich – auch –
Wie Mutter sich zurück zieht
In die Arme ihres unsichtbaren
Liebhabers, folgsam und gehorsam?

Der Spätling ist
Jedes Jahr zäh und zart
Immer wieder hart und weich
Jedes Jahr bunt, wechselhaft und grau
Und immer immer seltsam.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WELTSICHT

Pangaea sprach
Aus
Bewunderung brach
Aus
Die Rundwanderung
Um die Runde Erde
Krachte in sich zusammen
Kontinenten mit Ecken
Und Kanten
Uralte Bekannten
Mit fremden Augen
Die Welt sehen
Menschen übersehen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VERTRAUENSBRUCH

Die Blumen verabschieden sich
Du merkst es nur nicht, weil
Sie noch da sind – nach dem Abschied
Verweilt das Lächeln noch eine Weile

Das Polareis blieb, trauriges letztes Lächeln
Der Vergangenheit, noch lange nach
Dem es getötet wurde – die Natur
Wartet lang und geduldig mit ihrer Rache

Manche Ehen
Manche Träume
Manches Vertrauen
Manche Menschen
Sterben
Erst lange nach dem
Sie getötet wurden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER HERBST REGT SICH

Herr Herbst
Wie ein Raubritter
Stehlt uns langsam das Sommergrün
Überlässt schleichend uns Laubglitzer
Wo bunte Strahlen kalt glühn
Auf Ästen nackt grau bitter
Und herb.

Morgendlicher Herbstregen
Wie ein graublaues Staubgitter
Herbst noch nicht ganz
Sommer nicht mehr, Urlaubzwitter
Zwischen Schlaf und Tanz
Das Gemüt gewöhnt sich, taub, zitternd
Wieder an Herrn Herbst.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LEICHT SCHWIERIG

Es ist schwierig
In schwierigen Zeiten
Schwierig zu bleiben
Wenn schwierig Deine Art ist
Denn das macht alles nur noch schwieriger

Leichter wäre es
Leichter zu werden
Leichter werden
Fällt Dir aber schwierig

Also bleibst Du schwierig
Was Deinen Weg schwierig macht
Dich aber leicht
So leicht
Daß Du jeden Weg leicht gehen kannst
Auch die schwierigsten.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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IMPERIUM

Raum zum Nehmen
Grenzen des grenzenlosen Nehmens
Ohne sich zu schämen

Nur der Eroberte
Nur der Gebrochene
Nur der Gedemütigte
Schämt sich
Schämt sich auch noch
Und schämt sich auch dafür
Heimatlos zu Hause

Heimatlos in der Heimatlosigkeit
Eines Anderen Imperium
Da, wo es keine Gnade gibt
Nur Nachdenken: Warum
Bin ich hier?
Nimmst Du mir meinen Freien Willen
Nimmst Du mir mein Leben.
Reichtum und Macht sind ein Imperium
Und wir sind der Widerstand.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der Deutschen Dichtung

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VOLLMOND

Ich fand heute Nacht
Den Mond, rund
Wie ein Kussmund
Reif und aufgewacht

Und ich suchte
Deinen zarten Mund
Sanft-zitronen jung
Im schlammigen Grund
Meiner dunklen Erinnerung

Dann versuchte ich
Ins volle Herz des Mondes
Schmerzes einzubrechen
Denn eine Frau bis auf ihres Grundes
Herz ganz zu lieben, spüre ich,
Ist kein Verbrechen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ALLES WAS GLÄNZT

Sie gaben uns eine geschriebene Verfassung
Haben selber aber keine

Sie verhinderten den Austritt Biafras
Wollen aber selbst ihren eigenen Brexit aus der EU

Sie labbern uns ständig Demokratie an
Schließen aber selbst ihr eigenes Parlament

Sie brachten uns ihre Religion
Treten selber scharenweise aus ihr heraus

Wer sind hier die Dummen?
Sie oder wir?
Wer die dunklen krummen?

Wir glauben alles
Schlucken alles
Folgen alles
Ahmen allem nach –
Wir armen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE ANTIBLUME

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Wie eine Antiblume
Ist der Hass erneut aufgeblüht
Er wurzelt mitten im Seelenreichtum
Aller Kulturen; gedeiht; versprüht
Den Duft der Angst und Irrtümer
Und vergiftet Verstand und Gemüt.

Und blüht mit Misstrauen und Neid
Im Antiblumendreiklang
Die Diplomatie ist ihr nettes Kleid
Systeme stehen unter ihrem Zugzwang
Und – Ihr ahnt es – es folgt das Leid
Wieder, ihr Höhepunkt, ihr Abgesang.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REVOLUTION

Wie viele Revolutionen
Werden wir haben, bis wir
Revolutioniert genug sind
Um keine mehr zu brauchen?
Wir kommen
Wir sehen
Wir verändern

Wie viele Niederlagen
Werden wir dem Bösen erteilen
Bis wir es ganz gebrochen
Und besiegt haben?
Es kommt
Es sieht
Es verändert sich
Und uns

Guten Morgen, Erde
Gestern wurde das Böse stärker
Guten Morgen, Erde
Heute Nacht wurde die Menschheit
Stärker auch.

Wir kommen
Wir sehen
Wir verändern.
Vor allem uns.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung