ALLES WAS GLÄNZT

Sie gaben uns eine geschriebene Verfassung
Haben selber aber keine

Sie verhinderten den Austritt Biafras
Wollen aber selbst ihren eigenen Brexit aus der EU

Sie labbern uns ständig Demokratie an
Schließen aber selbst ihr eigenes Parlament

Sie brachten uns ihre Religion
Treten selber scharenweise aus ihr heraus

Wer sind hier die Dummen?
Sie oder wir?
Wer die dunklen krummen?

Wir glauben alles
Schlucken alles
Folgen alles
Ahmen allem nach –
Wir armen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE ANTIBLUME

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Wie eine Antiblume
Ist der Hass erneut aufgeblüht
Er wurzelt mitten im Seelenreichtum
Aller Kulturen; gedeiht; versprüht
Den Duft der Angst und Irrtümer
Und vergiftet Verstand und Gemüt.

Und blüht mit Misstrauen und Neid
Im Antiblumendreiklang
Die Diplomatie ist ihr nettes Kleid
Systeme stehen unter ihrem Zugzwang
Und – Ihr ahnt es – es folgt das Leid
Wieder, ihr Höhepunkt, ihr Abgesang.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REVOLUTION

Wie viele Revolutionen
Werden wir haben, bis wir
Revolutioniert genug sind
Um keine mehr zu brauchen?
Wir kommen
Wir sehen
Wir verändern

Wie viele Niederlagen
Werden wir dem Bösen erteilen
Bis wir es ganz gebrochen
Und besiegt haben?
Es kommt
Es sieht
Es verändert sich
Und uns

Guten Morgen, Erde
Gestern wurde das Böse stärker
Guten Morgen, Erde
Heute Nacht wurde die Menschheit
Stärker auch.

Wir kommen
Wir sehen
Wir verändern.
Vor allem uns.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STELL DIR VOR

Stell dir vor
du stellst dir vor
Was stellst du dir dabei vor?

Ein grünes blau?
damit wenn ich nach oben schau
Bäume blühen in Wiesen im Tau
kraft deiner Vorstellungskraft
Neue Welt, von dir mir geschafft
und geschenkt –

Und was stellst Du Dir dabei vor?
Tiere mit mehr Menschlichkeit
als Menschen? Sie schreiten
durch die Reihen streitender Menschen
Laden zum Besteigen ein und reiten
durch die blauen grünen Wiesen
bis weit in die fernen Empfindungen hinaus
wo wir von ihnen lernen
in Frieden mit allen und mit einander
zu leben.

Du liegst in mitten der grünen Lächeln
auf den blauen Feldern…
Kannst Du Dir das vorstellen?

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WELLEN

Das Geräusch der Wellen
Im Gespräch mit den Ufersteinen
Uralte Liebesgesellen
Flüsternd lachen und weinen
Erd-Wasser Intimrituellen
Meine in Deinen, Deine in meinen
Intellektuellen sozialen sexuellen Naturellen
Ich spüre Dich zwischen meinen Beinen…

Raunt Land zum Wasser
Und Wasser zum Land
Süßwasser und Salzwasser
Regelmäßig gedrückt gegen Felsenwand
Mit festem Herz und fester Hand.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STRASSENLATERNEN

Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend

Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FLÜGE DES MORGENS

Es war einmal ein guter Morgen
Hell wie Glocken, denn Glocken
Sind glücklich wie ein Kind ohne Sorgen
Der Morgen war das lachende Kind
Der Schöpfung –

Staunend schaute der Morgen
Aus tausend träumenden Augen heraus
Auf Gedanken, die lange verborgen
Im Tal der Nacht sich nach Licht sehnten
Und der Morgen fühlte sich geborgen
Auf den Flügeln seiner eigenen Kindlichkeit –

Und während die Sonne,
Vater des Morgens, stieg und strenger wurde
Und in den Menschenaugen
Der Morgenglanz langsam ersetzt wurde
Durch Menschenblick, seufzte sanft
Und freundlich der träumende Morgen
Ein letztes langes leises Mal
Genoß den Augenblick…
Und ahnte das Ende seines Lebens.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MAIN AN FRANKFURT

Wir tauchten aus dem Tunnel auf
Rosig-blau der Himmel gähnte
Schrebergärten, bärtig mit Laub
Der reine Main das Ganze ergänzte
Vieles verband und vieles trennte;
Von den Geheimnissen nichts erwähnte
Die er sammelt auf seinem Lauf.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LEERE HÄUSER

Ich bin im Wald
Stundenlang gelaufen
Habe kein großes Tier gesehen

Ich weilte lang
Auf Meer und Fluß
Habe kaum Fische gesehen

Ich habe gelesen
Es gab mal Wesen
Menschen haben sie hellgesehen

Bin ich blind geworden
Oder die Häuser leer?
Denn ich kann… nichts mehr sehen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SOLDAT

Zusammen marschieren
Getrennt kassieren
Alleine erfrieren –
Wessen Krieg führst Du aus?
Kind, komm wieder nach Haus
Sonst werden wir trotz geladenem Applaus
Die Menschheit verlieren.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung