UNSICHTBARKEIT

Diese Haut
lenkt zu sehr ab
vom Wesentlichen

Der eine will mir helfen
Der andere mich schaden
wegen meiner Hautfarbe

Die eine will mir Unverdientes schenken
Die andere Verdientes mir vorenthalten
wegen meiner Hautfarbe

Der eine erwartet unmittelbaren Zugang in mich
Der andere lehnt mich instinktiv vollständig ab
wegen meiner Hautfarbe

Die eine verarbeitet mich nur mit Vorurteilen
Die andere verarbeitet mich überhaupt nicht
wegen meiner Hautfarbe

Der eine verlangt nur Perfektion von mir
Der andere erwartet nur Unfähigkeit von mir
wegen der Hautfarbe

Die eine glaubt, mich vollkommen zu verstehen
Die andere hält mich für unverständlich
wegen meiner Hautfarbe

Und bei alledem
fühle ich mich nur
ungesehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VEREINFACHUNG

Bist Du mutig?
Fragt mich die Innere Stimme -
Bin ich.
Dann höre auf mich - das ist Mut.
Zeige Dich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS MEIN GEIST WILL

Manchmal bin ich so still
Ich weiß selber nicht
Was mein Geist will
Dann schreibe ich ein Gedicht

Wir machen so viel
Und machen es nicht publik
Das Leben ist kein Spiel
Kein Model, keine Politik

Es ist ein Schmerz, der sticht
Eine Sehnsucht nach Mehr
Eine Empfindung vom Dunkel und Licht
Eine Ewigkeit ohne Wiederkehr

Es ist täglich die Suche
Nach der Bedeutung von Gesellschaft
Es ist die unendlichen Versuche
Menschentum zu erheben über Bürgerschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIT MENSCHEN

Wo gibt es sie nicht,
unsere Mitmenschen ohne Menschen?
Wo gibt es sie nicht?
Da gibt es keine Menschen.

Je mehr Menschheit
Desto mehr Unmenschlichkeit
Je mehr Menschen
Desto mehr Einsamkeit

Warum?
Und unten im Tal
Umarmen sich die Häuser
Wie Freunde aus Es-war-einmal.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNBÄNDIG

Lasst Euch nicht fallen -
Wie die Frühlingsblumen, steht auf
Es wartet eine Welt da draussen
Gestern sucht Morgen. Wir sind der Staffellauf.
Laufen wir also. Steht auf, steht auf!
Schaut! Weit in der Ferne und noch weiter
Das sind keine Sterne, das sind wir
In der Zukunft, unbändige Freudenreiter
Die Freuden kommen, wenn wir reiten
Steht auf! Es warten auf uns neue Zeiten
Aufregend. Sie wollen uns dazu anregen
Sie mit Menschlichkeit zu prägen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NUR WISSEN VEREINT

Nichts ist wilder als Verzweiflung
Nichts zynischer als Hass
Nichts lauter als die Stimme der Zweiteilung
Einer Gesellschaft in Pass und Ohne-Pass

Lange dauert der Tiefe Heilung
Schwer ist der Weg mit Liebe als Kompass
Wichtigster Gegenstand für die Verteilung:
Wissen. Der Schlüssel zum Einlass.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE FRÜHLING

Ich lasse mich nicht herunterziehen
Wäre ich kein Mensch, wäre ich der Frühling
Täglich mich hochziehen, mich anziehen
Du darfst mir dabei zusehen
In mich hineingehen
Kraft holen, in die Welt hinausziehen
Farbig, färbend, drängend wie Frühling.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIT UND OHNE

Und dann kam ich rein
Denn Du warst da
Zuhause fängt mit Dir an
Und bleibt immer da

Und dann kam ich rein
Denn Du warst nicht da
Zuhause wartet hier auf Dich
Und bleibet immer da.

<em>Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WORTE IN DER LUFT

Ich ringe nach Worten
Wie ein Sterbender nach Luft schnappt
Sie halten mich am Leben.

Wieso höre ich keine Stimmen
heute Nacht? Ich möchte reden
über Teilnahme und Teilhabe
Über Beteiligung

Darüber, daß alles Andersartige
es immer noch schwer hat
und manchmal ist es sogar unmöglich,
Zugang zu finden zu der Ebene
wo Worte die Luft ist, die wir atmen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

ABSTRAKTERE SCHÄTZE

Jedes Mal, wenn ich ansetze,
Trauriges zu schreiben, steigen Zuversicht,
Gleichmut, Hoffnung, Ruhe in meine Sätze
hinein, machen aus einem langen Bericht
ein Standbild meiner abstrakteren Schätze,
eine kleine Nachtmusik, ein kurzes Gedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung