EIGENART MENSCH

An manchen Tagen bin ich zuerst Schwarz
An manchen Tagen bin ich zuerst Mensch
Nicht nur in meinen Augen
Auch in Deinem Kopf

Manchmal muss ich mich fast daran erinnern,
daß Mensch und Schwarz
sich nicht gegenseitig ausschließen –
Schwieriger ist‘s, Dir das klar zu machen.

Guten Morgen Tag, Du bist zu früh gekommen
Ich lebe für Generationen ungeboren
Und säe Samen, deren Früchte die ernten werden,
für die ich bloß ferne Geschichte sein werde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINE STIMME IN MEINER WILDNIS

Wenn ich könnte
würde ich Deine Stimme
in meiner Seele aufbewahren –
ein nimmer ausklingender Widerhall.

Denn Du drückst mir immer die Daumen
wenn ich den Weg in meinen Traum verliere
deine Stimme, wie ein Weckruf, ist da –
Du schaffst das! Du schaffst das!

Je wilder, desto vertrauter –
Ich nehme Dich mit in meinen Traum
Du wirst lauter und lauter und lauter
schreien: Ich bin jetzt Dein Echoraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUFGEWÜHLT

Heute bin ich müde
und kann nicht schlafen –
Gestern schlief ich
und war nicht müde.

Heute bin ich reifer
und brauche die Kindlichkeit
Gestern war ich ein Kind
und brauchte mehr Reife

Heute habe ich Essen
doch ich bin nicht mehr hungrig
Jetzt habe ich Durst
denn ich verbrenne innerlich.

Doch ich bin nicht allein
Auch der Planet ist aufgewühlt
und Flüchtlinge irren herum
und die Politik ist verunsichert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNGESCHÜTZTE KINDER

Kinder legen sich heute Nacht zum Schlafen
Nach noch einem anderen Tag harter Arbeit
Fragen sich, warum ihre Eltern verschwunden sind –
Stell Dir vor, das wären Deine Kinder
und Du wärest nicht mehr da.

Das ist keine Poesie
Das ist wahres Leben –
Viele solcher Kinder liegen in diesem Augenblick
irgendwo im Dunkel, verängstigt, verwirrt,
desorientiert, einsam, ausgeliefert, wach.

Sie versuchen, den Sinn zu begreifen
Sie versuchen, mutig zu sein
Sie versuchen, die Hoffnung nicht zu verlieren,
und dann irgendwann, kurz vor Mitternacht,
schlafen sie müde ein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SAUER STOFF

Ich will unbedingt atmen
Luft! Luft! Luft!
Ich reiße mir die Lungen aus dem Leibe raus
Tauche sie in die kalte Luft ein
Bis sie vor lauter Sauerstoff brennen
Dennoch reicht es nicht aus.
Ich kann immer noch nicht atmen
Als wäre atmen ein Gedanke,
den ich in meiner Erinnerung nicht mehr finde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UMZUG

Deine Augen
Sie saugen meine Seele
Aus meinem offenen Mund

Die Menschen in unserer Nähe
Sie hören mich laut lachen
Während Du mir beim Umzug zu siehst.

Ich ziehe in Dich um
Ich ziehe in Dich ein
Ich ziehe Dich langsam aus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBST IST DAS ZIEL

Wir gehen
Wie eine Generation ohne Moses
Wir trotzen trotzdem der Wüste
Uns wurde kein Land verheißen
Wir tragen es in uns
Und sind selbst seine Verheißung
Und die ganze Welt, wie ein rotes Meer,
Teilt sich vor uns auf
Und teilt aus
Doch keiner kann uns stoppen
Denn wir sind die Generation ohne Moses
Und keiner weiß, wo wir hin wollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAMILIENVATER

Bin schwach heute
finde aber in meiner Umgebung keinen Platz
für das schwache mich.

Alle sehen mich mit Augen an
die mich wissen lassen, daß ich für sie stark bin
und stark sein muss.

Deshalb bin ich stark
auch wenn ich schwach bin
besonders wenn ich schwach bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEIDNACHTEN

Während wir Geschenke auspacken
packen sie sich in Cartons ein.
Das Licht unserer Weihnachtskerze
reicht nicht bis nach Moria.
Und vielen anderen Orten.

Dann fange ich an, zu zu hören…
Ich lausche der Musik der Weihnachtsbäckerei
Ich schenke meine Ohren dem Wind
Und dem Gast den bitteren Wein,
doch die Stimmen aus Moria sind zu weit weg.

Ich höre sie nicht.
Denn es ist Weihnachten.
Fest der Glücklichen und der Freudigen.
Erwachsener stopfen sich voll, und versuchen
nicht zu denken an hungernde Kinder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN GEWÖHNLICHES LEBEN

Ich floh
in die Tat
in den Tag
in das Nichtstun
in die Nacht
in die Trauer
in die Träumerei
in die Sünde
in die Sühne
in den Streit
in die Sehnsucht
in das Lachen
in die Lust
und in das Leiden –
denn überall suchte ich Dich, meine Liebe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung