DASSELBE LÄCHELN

Wenn Du genug Länder besucht hast
Wenn Du genug Lächeln gesucht hast
und überall wie ein ewiges Darlehen
immer wieder dasselbe Lächeln gesehen
und zurückgespiegelt hast, na dann…
Vielleicht ist da wirklich etwas daran,
wenn gesagt wird, daß wir alle irgendwann
wieder eins werden werden im Gottesplan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN FLUGBEGLEITER

Sollen wir fliegen?
Fliegen wohin?
Da, wo wir uns nicht verbiegen,
dahin.
Ich fliege mit,
Dein Flugbegleiter -
erklimmen zusammen Schritt für Schritt
die Himmelsleiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESCHEHEN-GEBUNDEN

Der Zug rollt ab, wie ein Geschehen,
aus dem Du nicht mehr aussteigen kannst.
Durchs Fenster wirst Du vieles sehen,
an dem Du Dich nicht beteiligen kannst.
Du kannst weder stoppen noch umdrehen;
die Fahrt erleben ist alles, was Du kannst.
Es bringt nichts, zu bitten oder zu flehen,
Du bist Geschehen-gebunden. Du kannst
im Zug sitzen bleiben oder aufstehen,
rumlaufen, mit anderen reden. Du kannst
Freunde finden, die den selben Weg gehen
wie Du, mit denen Du Wärme teilen kannst.
Enge Verbündete wie in Familien, oder Ehen,
oder im Krieg, oder im Knast. Werte kannst
Du schöpfen, Bunde formen, die nicht vergehen
werden, wenn Du endlich umsteigen kannst
an der nächsten Station in Deines Lebens Geschehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDE GEWESEN

Ich höre ihn nicht
obwohl er spricht
Ich höre nur den Wind

Ich sehe sie nicht
sehe nur ihr Gesicht
Und ich bin nicht blind

Wir lachen zusammen
bis tief in den Abend
weil wir Freunde gewesen sind

Doch keiner sieht die anderen
und keiner hört die anderen
mehr. Nur Gesichter und Wind

Verschlafen in jedem ist das innere Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREFFEN OHNE ZU TREFFEN

Das, was wir am Häufigsten tun:
Uns miteinander treffen.
Das, was wir am Häufigsten tun:
Uns gegenseitig verfehlen.

Tausend Begegnungen mit Worten
die auf „Treffen“ nicht zutreffen.
Tausend Erzählungen in Worten
die Vieles sagen aber nicht zählen.

Tausend Gelegenheiten verpassen
uns wirklich innig zu verbinden
Tausendmal anfassen ohne zu erfassen
die Fäden, die uns innerlich binden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS UNVERÄNDERTE ZIEL

Aus welchem Grund auch immer
der Hass entsteht, ist der Boden
immer dasselbe. Ob schlimmer,
unverändert oder netter die Methoden
seiner Austragung bleibt das Ziel
das Besitzergreifen vom Vollrecht
zum Leben. Ein hinterhältiges Spiel -
wer menschlich spielt, wird geschwächt.

Die Intoleranz in den Augen-blicken
ist noch gar nichts im Vergleich
zu dem Würgen und Ersticken
tief im Herzen, gültig und gleich -
Aber im Internet kommt alles heraus,
Haß, Herrscherfantasie, Hässlichkeit;
Feigheit wird zu Mut in jeder Maus,
Menschen toben in Unmenschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BETREUEN UND BEFREIEN

Papa, über was schreibst Du heute ein Gedicht?
Ich weiß nicht. Über was soll ich heute schreiben?
Über mich. Über Dich? OK. Nein! Spaß! Bitte nicht!
Zu spät. Der Gedanke ist gekommen und muss nun bleiben.

Und muss nun wachsen, betreut von meiner Liebe,
und mich verändern, während ich ihn auch verändere;
dann, vollendet, mich zu verlassen, um im Weltgetriebe
eigenständig zu wirken für eine neue Welt, eine bessere.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALS MENSCHEN TREFFEN

Wo können wir uns noch als Menschen treffen?
Nicht als Spiegelbilder und Verteidiger der Interessen
von Nationen, Kulturen, Völkern, Ethnien, Rassen,
Religionen, Gendern, Orientierungen, Ständen, Klassen,
sondern einfach als Menschen.
Höher als alle diese Identitäten.

Verbarrikadiert im Grabenkampf der Identitäten,
verloren wie Amnesiekranken in Gruppen-Rivalitäten,
gibt es nur noch wenige die für das kämpfen,
was wir tatsächlich im Grunde alle sind: Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREMDBLICKE

Die Augen der Welt
sie saugen Dein Selbstvertrauen -
Fremdblicke in Fremdenblicken
der Nacktheit. Mit Fremdschauen
kommt Fremdschämen des Selbsts;
stets nachschauend, ob sie zuschauen,
Du gibst denen zu viel Macht über Dich,
die Dir Deine Freiheit sehend verbauen -
sie strafen Dich mit Blicken, die Streife fahren
wie Polizisten plötzlich aus den Blauen
heraus, Dich im Scheinwerfergericht ihrer Augen
fangend, sie werfen den Schein auf und klauen
Dir - wenn Du es zulässt - Deine Einsicht,
Deine Zuversicht, ja, Dein Selbstvertrauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESPALTENE WELTSEELE

Gespaltene Weltseele
Fuß steht Kopf
Links und rechts ohne Mitte
Brodelnder Eintopf

Keiner wird glauben,
daß beide Seiten falsch liegen
Nur wer verlieren kann,
wird im Menschwerden siegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung