DAS HERZ IN DER ECKE

Ich habe Distanz und Distanziertheit
mit so vielen Menschen intim geteilt -
Und je intimer die geteilte Zweisamkeit,
desto mehr habe ich mich gelangweilt.
Das Herz kann in einer Ecke leise sitzen,
dem Treiben seines Besitzers still beisitzen,
hoffend, eines Tages etwas Wahres zu besitzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

SICH VERZEIHEN

Waren wir uns je ähnlich?
Waren wir je unterschiedlich?
Gleich und gleich bekämpft sich gern
Wir sind uns nah, wir sind uns fern
Wie da ein Stein und da ein Stern
die doch dasselbe sind in ihrem Kern.
Wunden, tief, sind nicht unverzeihlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WUNDEN

Ich besuchte eine Wunde
und sie war offen
klagte aus weinendem Munde
Ich kam näher, selbst betroffen

Die Wunde war empfindlich
und aufmerksam und klug
zog mich an sich unwiderstehlich
wich mir aus mit feinem Betrug

Ich hob meinen Zeigefinger
und legte ihn an die Wunde
Sie seufzte vor nichts geringer
als der Hoffnung, ich gesunde.

Doch kein Mensch kann Dich heilen
denn wir alle bergen eigene Wunden
Nur wenn wir Ehrlichkeit teilen
hätten wir Linderung gefunden.

Ich besuchte eine Wunde
und sie war zu -
Doch sie begriff mich in unserem Abgrunde
und öffnete sich mir ab und zu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLSCHAFT DER EINSAMKEIT

Wenn die Einsamkeit der Einsamkeit
Gesellschaft leistet, wie fühlt es sich an?
Entsteht die Zweisamkeit?
Oder verdoppelt sich die Einsamkeit?

Wenn zwei einsame Menschen sich küssen,
schlucken sie die Einsamkeit runter?
Schmeckt es nach der Zweisamkeit?
Wird es schwärzer oder wird es bunter?

Kann die Einsamkeit der Einsamkeit
ihre Einsamkeit lindern?
Kann Zweisamkeit Einsamkeit mindern?
Kann Gesellschaft Alleinsein verhindern?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZ

Wir suchen Lösungen
wo es keine gibt -
im Sieg.
Wer Sieg braucht
braucht Krieg.

Nur der findet Lösungen
der ins Herz eintaucht -
und gütig, mutig, vergibt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DASSELBE LÄCHELN

Wenn Du genug Länder besucht hast
Wenn Du genug Lächeln gesucht hast
und überall wie ein ewiges Darlehen
immer wieder dasselbe Lächeln gesehen
und zurückgespiegelt hast, na dann…
Vielleicht ist da wirklich etwas daran,
wenn gesagt wird, daß wir alle irgendwann
wieder eins werden werden im Gottesplan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN FLUGBEGLEITER

Sollen wir fliegen?
Fliegen wohin?
Da, wo wir uns nicht verbiegen,
dahin.
Ich fliege mit,
Dein Flugbegleiter -
erklimmen zusammen Schritt für Schritt
die Himmelsleiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESCHEHEN-GEBUNDEN

Der Zug rollt ab, wie ein Geschehen,
aus dem Du nicht mehr aussteigen kannst.
Durchs Fenster wirst Du vieles sehen,
an dem Du Dich nicht beteiligen kannst.
Du kannst weder stoppen noch umdrehen;
die Fahrt erleben ist alles, was Du kannst.
Es bringt nichts, zu bitten oder zu flehen,
Du bist Geschehen-gebunden. Du kannst
im Zug sitzen bleiben oder aufstehen,
rumlaufen, mit anderen reden. Du kannst
Freunde finden, die den selben Weg gehen
wie Du, mit denen Du Wärme teilen kannst.
Enge Verbündete wie in Familien, oder Ehen,
oder im Krieg, oder im Knast. Werte kannst
Du schöpfen, Bunde formen, die nicht vergehen
werden, wenn Du endlich umsteigen kannst
an der nächsten Station in Deines Lebens Geschehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDE GEWESEN

Ich höre ihn nicht
obwohl er spricht
Ich höre nur den Wind

Ich sehe sie nicht
sehe nur ihr Gesicht
Und ich bin nicht blind

Wir lachen zusammen
bis tief in den Abend
weil wir Freunde gewesen sind

Doch keiner sieht die anderen
und keiner hört die anderen
mehr. Nur Gesichter und Wind

Verschlafen in jedem ist das innere Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREFFEN OHNE ZU TREFFEN

Das, was wir am Häufigsten tun:
Uns miteinander treffen.
Das, was wir am Häufigsten tun:
Uns gegenseitig verfehlen.

Tausend Begegnungen mit Worten
die auf „Treffen“ nicht zutreffen.
Tausend Erzählungen in Worten
die Vieles sagen aber nicht zählen.

Tausend Gelegenheiten verpassen
uns wirklich innig zu verbinden
Tausendmal anfassen ohne zu erfassen
die Fäden, die uns innerlich binden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung