UNIFORMEN

Die Uniformen
Verdecken die Unterschiede lang genug
Bringen ihre Träger einander nah genug
Um die Unterschiede klar genug zu sehen
Jetzt sind sie fassbar genug zu verstehen
Hinter den Normen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

HAUSGEMACHTES WEIHNACHTEN

Alt wie Wein
Wird das Jahr nun
Süßer auch?
Reif mit dem zwölften Monat
Und elf Erinnerungen
Wir teilen lachend die Freude
Schweigend den Schmerz
Des Jahres.
Teilen ist heilen
Herzen sind Kerzen
Dezember, Lichtspender
Weihnacht, hausgemacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

BAHNHOFSVIERTEL 1

Eine Wechselstube am Hauptbahnhof
Der bedrückend foulste Gestank trat ein
Alle Kunden drehten sich erschrocken um
Starrten irritiert murmelnd die Quelle an

Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase
Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase
Ein Araber drückte die Hand vor die Nase
Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase

Der Verursacher des üblen Gestanks
Holte etwas vom Schalter, ging wieder
Er war weder weiß noch asiatisch
Noch arabisch noch Schwarz

Er war obdachlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KRONE

Sie spielt ihn, ihren Saxofon,
Und sie spielt ihn gut.
Sie gibt an, gekonnt, den Ton.
Er wird in seinem Mut
Meinungslaut wie ein Megafon,
Kündigt an, angeregt, ihre Sintflut,
Macht sich zu ihrem Thron:
Setz Dich!, was sie auch tut,
Seine Krone, sein zweiter Hut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HERBST LÄSST LOS

Ich verzeih Dir
Und gedeih in Dir
Gerade deshalb.

Verzeihung ist Macht
Davon wissen ist Macht
Ebendeshalb.

Macht es Dich leicht
Ist es vielleicht
Der Grund weshalb

Du im Herbst gedeihst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SPIELENDE KINDER

Die blauen dünngeschnittenen Windscheiben -
Das Mädchen, wenn ihre Finger ihre Augen reiben,
sieht den Wind vorbeilaufend in allerlei Gestalt.
Nichts ist vielfältiger als die kindliche Einfalt.

Es dreht sich zum Jungen neben ihr, leidenschaftlich
erzählend von blauen Windscheibchen selbstverständlich.
Er korrigiert sie freundlich, Ja sie sind dünn
Aber blau sind sie nicht, sieh doch: sie sind blaugrün!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ELOQUENT SCHWEIGEN

Manchmal stehst Du, mein Ich, allein
Wie ein Iroko nicht mal im Wald
Nein in der kalten Wüste
Du kannst niemandem vertrauen und bald
Keinem, den ich eigentlich müßte
Geschweige denn denen, die ich küsste
Niemand mehr schafft’s in mich, in Dich, hinein.

Mein Du, ja mein Ich, wir verstehen Schweigen
Es ist uns eloquenter, schlüssiger als Worte
Ihre Worte sind eine Ablenkung von ihrem Schweigen
Von ihrem tiefsten Tatorte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEMISCHTE RÄUME

Wenn ich keine Energie habe,
ist genau das meine Energiequelle -
Schwäche so oft ist stärker als Stärke.

Multikulti erzeugt nervöse Höflichkeit.
Alle sind bestrebt, keinen Fehler zu machen -
Gezwungen wird es anstrengend.

Aber die Vorurteile sind sichtlich da,
eng angezogen wie Schichten von Bindehaut -
Fühlbar. Was machen wir mit ihnen?

Ohne sie sind wir blind.
Mit ihnen sind wir blind. Unsere Worte
sind tastende Hände auf unserer Haut:

Sie wissen nicht, was sie tun.
Trennung bindet uns, Mischung spaltet uns -
Verständnis verunsichert uns.

Aber Schwäche… Schwäche beruhigt uns.
Beflügelt uns.
Verbindet uns.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZWEI SEITEN

Offen, sozial
Stets mit am Start
Freundschaft ist für Zweisame.

Nicht die Anzahl
Sondern die Art
Liebe ist für Einsame.

Zwei Seiten
Verbinden die weiten
Reisen der Gezeiten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS LEICHTESTE IST DAS SCHWERSTE

So leicht ist es, einen Menschen
zu töten. Eine Kugel ist ein dichtes Buch,
deren Seiten noch Jahre her gelesen werden.
Wie ein Samen, aus dem ein Baum wird,
drängt sie ins Herz Deines Schicksals ein,
speichert Deine Geschichte
für nachfolgende Generationen.
Aber erst nachdem sie geendet ist,
beendet wurde.

So leicht ist es, einen Menschen zu töten.
Etwas sehr Kleines, Winziges, Unscheinbares
genügt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung