ENDE UND NEUBEGINN

In kleinen Schlückchen
So wie jeden Abend mit seinem Bier
Leerte er sein Gedächtnis
bis von ihrer Beziehung keine Spur mehr
Blieb
Und bald verschwand auch
Das kalte Bauchgefühl in seiner Brust
Ersetzt durch eine Morgendämmerung
Die ihn zum neuen Erwachen der Lust
Antrieb.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSERE GEDANKEN

Meine Gedanken
Deine Gedanken
treffen sich im Garten der Gedanken
vereinigen innig sich
werden unzertrennlich
während Du und ich in unseren Leben
einander nicht kennen oder wahrnehmen.

Deine Gedanken
Meine Gedanken
treffen sich im Garten der Gedanken
treiben aneinander vorbei
spüren keinerlei Gleichart dabei
während Du und ich in unserem Leben
zusammen lebend aneinander kleben.

Ach!, die Welten die unsere Welten tief trennen!
Ach!, die Welten die unsere Welten zusammenklemmen!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HALTE MICH EIN ZWEITES MAL

Halte mich ein zweites Mal
bevor wir uns trennen
Wir werden uns nie wieder sehen
so wie wir uns jetzt kennen
Die Fäden der Veränderung
werden ihre Wege weiter rennen
Wir öffnen ständig neue Bahnen
mit allem, wofür wir sonst brennen
Mit tiefster Intimität also nun
sollten wir uns gegenseitig scannen
Ein letztes Mal voll treffend
uns die Kosenamen gegenseitig nennen
Die ganze Nacht wach bleiben
unseren Traum nicht verpennen
Wir überleben die Trennung eh nicht
lass uns heute uns aneinander verbrennen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERKENNTNISSE EINES HERUMREISENDEN

Wir gehen runter
und tauchen auf -
Jede Altstadt wird bunter
beim neuen Umlauf.

Die Strassenstimmen
in unterschiedlichen Sprachen -
Und dennoch, sie stimmen,
ob sie weinen, ob sie lachen,

stimmen sie überein
mit allen Strassenstimmen weltweit.
Die innere Stimme ist niemals allein
Inmitten der Menschheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEMUT

Hast Du dieses Jahr
irgendjemandem
Deine Wahrheit gesagt?
Irgendjemanden
nach seiner Wahrheit gefragt?
Bald geht das Jahr zu Ende.

Was habe ich gelernt?
Es ist schwer,
das Höchste auszuleben;
denn es ist schwerer,
daß Du falsch lagst zuzugeben
als dran zu halten bis zum Ende.

Demut. Ein kleines Wort,
ein hoher Berg.
Erst auf der anderen Seite
dieses Bergs
erwartet uns, uns zum Geleite,
das Wissen zur wahren Zeitenwende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BÜCHER OHNE ENDE GELESEN

Bücher ohne Ende gelesen
Doch kein Buch so tief wie eine Menschenseele.

Filme ohne Ende gesehen
Doch kein Film so reich wie ein Menschengeist.

Immer wenn sich mir ein Mensch öffnet,
flüstert meine Seele: ja, weiter, erzähle!

Ich verstehe Deine Geheimnisse besser
Als alles, was mir die sichtbare Welt beweist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNWIRKLICH DU

Jeder, der Dich vermisst,
vermisst einen anderen Menschen -
So viele Menschen bist Du.

Und wenn sie über Dich reden,
reden sie nur zur Hälfte von Dir,
zur anderen Hälfte jeder über sich.

Tief in Dir, wo Du allein bist,
ganz am Anfang, als Du allein warst,
wer war - wer bist - Du?

Und wenn Du kommst,
wirklich kommst, wirklich Du,
möchte jemand Dich?

Und wenn Du gehst,
wirklich gehst, wirklich Du,
vermisst jemand Dich?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNIFORMEN

Die Uniformen
Verdecken die Unterschiede lang genug
Bringen ihre Träger einander nah genug
Um die Unterschiede klar genug zu sehen
Jetzt sind sie fassbar genug zu verstehen
Hinter den Normen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

HAUSGEMACHTES WEIHNACHTEN

Alt wie Wein
Wird das Jahr nun
Süßer auch?
Reif mit dem zwölften Monat
Und elf Erinnerungen
Wir teilen lachend die Freude
Schweigend den Schmerz
Des Jahres.
Teilen ist heilen
Herzen sind Kerzen
Dezember, Lichtspender
Weihnacht, hausgemacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

BAHNHOFSVIERTEL 1

Eine Wechselstube am Hauptbahnhof
Der bedrückend foulste Gestank trat ein
Alle Kunden drehten sich erschrocken um
Starrten irritiert murmelnd die Quelle an

Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase
Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase
Ein Araber drückte die Hand vor die Nase
Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase

Der Verursacher des üblen Gestanks
Holte etwas vom Schalter, ging wieder
Er war weder weiß noch asiatisch
Noch arabisch noch Schwarz

Er war obdachlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung