Wir gehen runter und tauchen auf - Jede Altstadt wird bunter beim neuen Umlauf. Die Strassenstimmen in unterschiedlichen Sprachen - Und dennoch, sie stimmen, ob sie weinen, ob sie lachen, stimmen sie überein mit allen Strassenstimmen weltweit. Die innere Stimme ist niemals allein Inmitten der Menschheit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
des Zwischenmenschlichen
DEMUT
Hast Du dieses Jahr irgendjemandem Deine Wahrheit gesagt? Irgendjemanden nach seiner Wahrheit gefragt? Bald geht das Jahr zu Ende. Was habe ich gelernt? Es ist schwer, das Höchste auszuleben; denn es ist schwerer, daß Du falsch lagst zuzugeben als dran zu halten bis zum Ende. Demut. Ein kleines Wort, ein hoher Berg. Erst auf der anderen Seite dieses Bergs erwartet uns, uns zum Geleite, das Wissen zur wahren Zeitenwende. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BÜCHER OHNE ENDE GELESEN
Bücher ohne Ende gelesen Doch kein Buch so tief wie eine Menschenseele. Filme ohne Ende gesehen Doch kein Film so reich wie ein Menschengeist. Immer wenn sich mir ein Mensch öffnet, flüstert meine Seele: ja, weiter, erzähle! Ich verstehe Deine Geheimnisse besser Als alles, was mir die sichtbare Welt beweist. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNWIRKLICH DU
Jeder, der Dich vermisst, vermisst einen anderen Menschen - So viele Menschen bist Du. Und wenn sie über Dich reden, reden sie nur zur Hälfte von Dir, zur anderen Hälfte jeder über sich. Tief in Dir, wo Du allein bist, ganz am Anfang, als Du allein warst, wer war - wer bist - Du? Und wenn Du kommst, wirklich kommst, wirklich Du, möchte jemand Dich? Und wenn Du gehst, wirklich gehst, wirklich Du, vermisst jemand Dich? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNIFORMEN
Die Uniformen Verdecken die Unterschiede lang genug Bringen ihre Träger einander nah genug Um die Unterschiede klar genug zu sehen Jetzt sind sie fassbar genug zu verstehen Hinter den Normen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HAUSGEMACHTES WEIHNACHTEN
Alt wie Wein Wird das Jahr nun Süßer auch? Reif mit dem zwölften Monat Und elf Erinnerungen Wir teilen lachend die Freude Schweigend den Schmerz Des Jahres. Teilen ist heilen Herzen sind Kerzen Dezember, Lichtspender Weihnacht, hausgemacht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BAHNHOFSVIERTEL 1
Eine Wechselstube am Hauptbahnhof Der bedrückend foulste Gestank trat ein Alle Kunden drehten sich erschrocken um Starrten irritiert murmelnd die Quelle an Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase Ein Araber drückte die Hand vor die Nase Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase Der Verursacher des üblen Gestanks Holte etwas vom Schalter, ging wieder Er war weder weiß noch asiatisch Noch arabisch noch Schwarz Er war obdachlos. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KRONE
Sie spielt ihn, ihren Saxofon, Und sie spielt ihn gut. Sie gibt an, gekonnt, den Ton. Er wird in seinem Mut Meinungslaut wie ein Megafon, Kündigt an, angeregt, ihre Sintflut, Macht sich zu ihrem Thron: Setz Dich!, was sie auch tut, Seine Krone, sein zweiter Hut. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER HERBST LÄSST LOS
Ich verzeih Dir Und gedeih in Dir Gerade deshalb. Verzeihung ist Macht Davon wissen ist Macht Ebendeshalb. Macht es Dich leicht Ist es vielleicht Der Grund weshalb Du im Herbst gedeihst. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SPIELENDE KINDER
Die blauen dünngeschnittenen Windscheiben - Das Mädchen, wenn ihre Finger ihre Augen reiben, sieht den Wind vorbeilaufend in allerlei Gestalt. Nichts ist vielfältiger als die kindliche Einfalt. Es dreht sich zum Jungen neben ihr, leidenschaftlich erzählend von blauen Windscheibchen selbstverständlich. Er korrigiert sie freundlich, Ja sie sind dünn Aber blau sind sie nicht, sieh doch: sie sind blaugrün! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
