MENSCHSEIN VERLERNT

Alle sind irgendwie müde geworden
gleichzeitig voller Tatendrang
desillusioniert, weiser geworden –
Die Welt steht vor einem neuen Anfang

Kapitalismus wird neu definiert
Sozialismus wird zwangsrehabilitiert
Nationalsozialismus zieht sich geschickt um,
hält als Nationalkapitalismus uns für dumm

Der Nationalismus ja ringt mit sich selbst
sucht verzweifelt nach einem friedlichen Weg
sich durchzusetzen, getreu seinem Selbst
Ein Schiff, ein Hafen, kein Landungssteg

Globalisierung sehnt sich nach Lokalisierung
Eine Ehe ohne Liebe und ohne Vollziehung.
Vergessen hat der Mensch, oder nie gelernt
einfach ZU SEIN – von allen Ismen entfernt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DU BIST MEINE SONNE

Die Erde ist echt schräg
liegt mal Kopf mal Fuß zur Sonne
und hört nicht immer zu

Es liegt in meiner Natur
nie ganz bei Dir zu sein
Ein Teil von mir bleibt Dir immer fern

Aber damit Du weißt
daß ich Dir immer noch gehöre
liegt das andere Ich Dir um so näher.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WENN’S UMS ÜBERLEBEN GEHT

Einige Stimmen erhoben sich
am Anfang der Coronakrise:
Tiere, die nicht überleben können
werden ausgestoßen aus dem Paradiese.
Laßt die Alten doch sterben,
die Schwachen aussterben.

Es waren unter diesen Stimmen
auch Stimmen jüngerer Menschen,
unserer Hoffnungen von morgen.
Wirklich viele Gründe zum Nachdenken
gibt uns die Coronakrise –
darunter auch diese.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUF SEINEM RÜCKEN

Mir fehlt Schwimmbad
Blau. Der Geruch vom Chlorwasser.
Mir fehlt Kindheit. Kindlichkeit.

Mein Vater schwamm seine Bahnen,
Brust, trug auf seinem Rücken
mal mich, mal meinen Bruder, mal
meine Schwester, obwohl sie Angst hatte.

Mir fehlt das laute Geschrei, das
Lachen und das kindliche Bitten:
Bitte, Daddy, noch einmal.

Ich bin froh, daß er lebte
daß er mich auf die Welt brachte
daß er schwimmen konnte
und daß er mich auf seinem Rücken trug.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GRENZGEBIET

Wie dünn die Trennwand
zwischen Herz und Hand
zwischen See und Sand
zwischen Luft und Land

Kaum lebe ich
bin ich schon tot
Kaum sterbe ich
lebe ich schon wiederholt

Wie dünn die Trennwand
zwischen Kern und Rand
zwischen Wert und Tand
zwischen Bruch und Band

Jedes Wort hat zwei Seiten
Viel zu viele Freundschaften
sind vergiftet von Halbheiten
tödlicher als alle Feindschaften.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN TAG EIN NEUER FREMDER

In einem Tag sind viele Tage
vielleicht sogar tausend Jahre
Täglich wächst Du auf in der Ruine
Deiner gestrigen Gedankenschlösser
Die sind tausend Jahre alt und mehr
doch merkst Du das nicht, denn auch Du
bist im Schlaf um tausend Jahre gealtert
Das alte kommt Dir bekannter vor als
das Neue, in dem Du heute lebst
doch welch ein Unterschied!
Wer den Menschen im Spiegel sucht
findet morgendlich einen neuen.

Echt merkwürdig, wie sich
die Menschen täglich treffen und
täglich es nicht merken, daß sie
täglich Fremde treffen im Vertrauten Gewand
Ein Gesicht wiederholt sich mehrmals
wie eine Maske, die herumgereicht wird…
Eheleute, Freunde, Eltern und Kinder
sogar Feinde sterben häufiger jeden Tag
als das Bewusstsein es sich merken mag
oder muß, gehen täglich fremd,
machen täglich fremde Menschen
wiederholt zu Freunden und zu Feinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

INTEGRATION

Kein Mensch wollte mich
deshalb gab ich ihnen Dich
und sie liebten sich
denn Du mein äußeres Ich
spiegelst sie gut bildlich
oberflächlich
und versteckst problemlos mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WECHSELBEZIEHUNGEN

Durch meine Kinder wurde ich als Deutscher neu geboren
Meine Kinder sind als Deutsche meine Eltern

Meine Gedichte sind als Denker meine Lehrer
Meine Freunde sind als Menschen meine Familie

Meine Tage sind als Lebenszeit meine Nächte
Und meine Nächte sind hell, weil ich endlich wach bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NEBEN EINANDER

Sie sind wie zwei Geister
die im selben gebrochenen Haus spuken
doch einander nicht wahrnehmen
durch einander hin gucken
sehen jeder seine eigene Welt.
Es ist ein leben nebeneinander
miteinander durcheinander
ohne einander. Ruhe und Frieden.
Und Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
#gedichtezumnachempfinden
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EBENBILD

Meine Hautfarbe ist wie ein Magnet
der heimliche Blicke zieht…
Sind die Blicke deshalb so dunkel
weil meine Farbe dunkel ist?

Meine Haare sind Magnetstreifen
die meine Daten gespeichert halten –
Erscheine ich Euch so unleserlich
weil meine Haare so anders sind?

Mein Eigentum ist ein schwarzes Loch
das Neid und Gier anzieht;
Greift Ihr so gerne und listig nach ihm,
weil der Schwerkraft leicht zu erliegen ist?

Wer behauptet, es hat sich alles geändert
weil das jetzt eine neue Generation sei,
der ist entweder blind oder er lügt. –
Das Bild passt sich der Ebene zeitlich an.

Die neue Generation ist der alten
ihr Ausdruck und ihre klare Aussage
und, wenn sie sich ertappt fühlen,
ihre empörte Ausrede.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung