GESÄTTIGT

Kann es sein, daß
Die Antwort nicht in dem Körper liegt?
Ich meine, nicht im Körperlichen
Ein Lächeln trifft einen Blick, der Geist siegt
Der Körper, gesättigt, verliert seinen Appetit
Fällt wie ein Stück Kleidung ab
Das schwerer als die Empfindung wiegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RECHT AUF FEHLER

Siehst Du mich wirklich
Als ebenbürtig und gleichwertig?
Beweis es mir -
Zeig mir, daß ich zu den selben Fehlern
Wie Du gleichberechtigt bin.
Verzeih mir und gestatte mir
Meiner unvollkommenen Menschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUT GEDACHT

Wieder ist laut die Nacht
und lauter ich
Ein Schreiwettbewerb
doch sonderlich
Laut jedem Beobachtenden
schweige ich.

Der Nacht ihr treues Spiegelbild.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEIN FUSSABDRUCK

Kein einziger Fußabdruck
unterbrach den Nachtschnee
auf dem Bahnsteig

Kein Mensch teilte mit mir
das Zugabteil – das Leben
spiegelt, was ich verschweig

Ich wusste, ich bin allein
und die Zugfahrt war nur
der lange Fingerzeig.

Che Chidi Chukwumerije
Das Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTSINN

Warum sehe ich nachts
Alles doppelt so hell?

Warum ist in der Nacht
Das Harte zweimal so hart?
Das Zarte dreimal so zart?

Die Augenblicke des Tages
Kehren nachts zurück
Ich schließe meine Augen
Sehe wieder jeden einzelnen Blick

Schlaf, komm bitte, komm schnell.

Che Chidi Chukwumerije
Das Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

EINSAMMELN

Wo bin ich?
Ich versuche, mich zu sammeln
Aber ich finde mich nicht.
Wo bin ich?

Als wäre ich auf Reise gegangen
Warte ich in mir gefangen
In meinem Verlangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DICH DURSTFORSTEN

Es ist interessant, in Dir herumzuforsten

Kann man das so sagen?
Ich werde es wagen,
Du glättest die Wogen.

Manch ein Vogelschrei
Aufgeschreckt und überrascht
Überrascht und erschreckt mich auch

Die plötzlichen Blumen
Die mich in Deinem Wintergarten beobachten
Sind fesselnder als die vielen Tieraugen in Dir

Es macht Sinn, daß Du so viele Tiere bist.

Berg und Tal und Bach und Busch
So fühlt es also sich an, zu dürsten?
Es ist interessant, Dich zu durchforsten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MICH GAB ES SCHON

Mich gab es schon seit langem
Nicht alles Wesentliche ist laut
Nicht alles Laute ist wirklich da
Unter Schwarzer oder Weißer Haut

Nicht alles Lebendige ist sichtbar
Nicht alles Sichtbare ist echt
Mich gab es schon seit langem
Unsichtbare Haut ist nicht immer schlecht

Jetzt seht Ihr mich, jetzt seht Ihr mich nicht
Ein Deutscher mit fremdem Gesicht
Ein Fremder mit deutschem Gedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LÜTZERATH

Lützerath
Ein Staat gegen ein Volk
Die Angst gegen die Hoffnung
Die Reise in die Zukunft
Nimmt abermals eine Umleitung
Über die Vergangenheit
Kommen wir jemals an?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUES WOHIN

Durchstöbere alte Denkkammer
Regale leer
Auf Schatzsuche tiefer tauchen
Innere Einkehr
In Empfindungsfluss hineinfallen
Es ist als wär
Ich neugeboren. Neues Wohin
Aus altem Woher
Weshalb ich immer dann wenn ich
Mich nicht erklär
Richtig liege, ist meins. Aufgetaut
Ich schmerze sehr
Sinken und steigen gleichzeitig
Leicht wenn schwer
Das Fließen übernimmt die Kontrolle
Und will Meer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung