LIMITIERTE WAHL

Wählen wählen
Oder abwählen
Du hast einmal die Wahl

Frei wollen
Oder nicht frei
Oder nicht wollen
Du bekommst, was Du willst

Lieben lieben
Hassen lieben
Lieben hassen
Nur hassen hassen kannst Du nicht
Du kannst nur lieben lieben oder nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TÄGLICH DICHTER

Du stellst mich auf den Pranger
Ich bin täglich Vater
täglich hoch schwanger
täglich gebärende Mutter
und buchstäblich Dein Handlanger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FARBE

Farbe ist überbewertet
Sie vereint Feinde
und trennt Freunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GERECHTIGKEIT

Die Nacht bringt die Stimmen nicht zum schweigen
Der Tod bringt kein Ende dem Leiden
Der Haß kann die Sehnsucht nicht vertreiben

Die Stimmen der Getöteten
Das Leiden der Hasserfüllten
Die Sehnsucht nach dem Licht
der Gerechtigkeit.

Nur Gerechtigkeit ist Liebe.
Ohne Gerechtigkeit, kein Frieden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSCHARF

Ausgelaugt, abgenutzt
liegt das Land ermattet, weich –
Die Republik ringt mit dem Reich.
Die Nation hat beide links und rechts gestutzt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUFLÖSUNG

Eine Landschaft, die darauf wartet
erkundigt zu werden – beeile Dich
sie ist flüchtiger als die Liebe
temporärer als eine Morgenempfindung

vergänglicher als die Chance selbst.
Begreifst Du das,
hast Du Dein Leben begriffen:

episodenhaft, ephemer, endlich.
Beschreite zügig Deinen Lebensweg –

flugs hat er sich wieder… aufgelöst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE NAVIGATOR

In der Landschaft meiner Gedanken
fliege ich, ein Flugzeug,
und ich fliege durch sie hindurch

Denn ich muß tausend Gedanken ignorieren
um den einen zu finden,
der mich unaufhörlich ruft

Ich sehe Euch alle
und ich liebe Euch alle
dennoch muss ich Euch alle verlassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BENUTZER

Die Häuser stehen zueinander
Wie Menschen in einer Menge
Und sind zueinander und füreinander
Die einzige Gleichart, die sie haben.

Die Bäume stehen zu einander;
An ihren Beinen klammern sich Gras und Blumen;
Wie interessante Gedanken
Besuchen sie Vögel und Insekten und Eichhörnchen

Die Menschen stehen gegeneinander –
Das ist ihre Art, zu einander zu stehen –
Und lieben die Häuser und lieben die Bäume
Und lieben die Autos und lieben sich

Denn Benutzen ist ihre Art und Weise, zu lieben.
Was er nicht benutzen kann, liebt er nicht,
Der Mensch. Die Häuser, die Bäume,
die Autos, den Mitmenschen, die Erde, ohne Gewissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREMDSEIN IST WENIGER WOANDERS SEIN

Du musst stark sein, Fremder
denn fremder als die Länder
und als die irdischen Gewänder
ist das Unbekannte im Bekannten,
das falsch Beschriebene im Benannten,
das ungerecht Getroffene im Verbannten.

Fremdsein ist weniger woanders sein,
sondern sogar Zuhause innerlich anders sein
und angeblich oder zwanghaft besonders sein
müssen um normal zu scheinen,
zu vertauschen lachen mit weinen,
im Unreinen mit Dir zu sein im Reinen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZARTE DÄMMERUNG

Morgendämmerung
Vögeldämmerung
Gesangsdämmerung
Durch das offene Fenster
steigt der Morgen in mich ein
Angenehm kühle Luft
Vogelgesang und ein schmaler Schlitz
von diesem sanften zarten schwachen Blau
das bald verschwinden wird
wie ein Traum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung