SELBST IST DAS ZIEL

Wir gehen
Wie eine Generation ohne Moses
Wir trotzen trotzdem der Wüste
Uns wurde kein Land verheißen
Wir tragen es in uns
Und sind selbst seine Verheißung
Und die ganze Welt, wie ein rotes Meer,
Teilt sich vor uns auf
Und teilt aus
Doch keiner kann uns stoppen
Denn wir sind die Generation ohne Moses
Und keiner weiß, wo wir hin wollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH SPÜRE DICH AUF

Ich lese Dich langsam
wie die Linien auf meiner Handoberfläche
Ebensowenig verstehe ich Dich
obwohl Du unbedeckt ausgebreitet
vor mir liegst
wie eine Offenbarung

Langsam fahre ich über Dich
mit einem Finger, dann mit zwei, dann drei…
wie die Linien auf meiner Oberfläche
Ich kitzele Dich zart, denn
Du kitzelst mich wach
wie eine Offenbarung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AHNUNGEN DES DICHTERS

Ich bin ein Schmetterling
Ich schwör es
Denn ich schlüpfte gestern aus der Nacht
Und wurde endlich mein neuer Tag.

Ich bin eine Idee
Ich schwöre es
Denn ich keimte im Geheimen ungeahnt
Nun schleich ich in Deinem Kopf herum

Ich bin eine Wolke
Ich schwöre es
Ich sammle mich, immer und immer wieder
Denn ich weiß, bald weine ich …

Es ist, wie es ist
Ich bin eine Metapher für Etwas Unbekanntes
Mal fällt es mir ein, mal bin ich blank
Denn ich bin seine Leinwand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZAUBER GEHT WEITER

Der letzte Tag des Jahres
Gern möcht ich denken, das war es
Doch ich weiß es besser, sicher
geht es weiter, nur ungewöhnlicher
als im scheidenden Jahr es schon war
Pandora‘s Buchse wurde geöffnet, fürwahr
Drum musst auch Du Dein Herz öffnen
Und Dich mit geistiger Zauberkraft bewaffnen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GIB DICH GANZ

Denkst Du deutsch, wenn Du deutsch sprichst?
Oder sind das nur Worte, die Du an mich schickst?
Schenkst Du Liebe, wenn Du Liebe machst?
Oder sind die Küsse leer, die Du spielend vor hast?
Wie viel kannst Du nehmen, und immer noch nicht satt sein?
Wie viel kannst Du geben, und immer noch nicht leer sein?
Wie eng kannst Du Dich binden, und immer noch getrennt sein?
Wie weit kannst Du Dich entfernen, und immer noch mein Eigentum sein?
Wenn Du liebst, halte nichts zurück
Sonst musst Du wieder kommen
Und wieder kommen
Und wieder kommen
Bis Du mir alles gegeben hast.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR SIND 2021

Mit Hoffnung nach Vorne gucken
Mit vorne nach Hoffnung blicken
Wenn alle zusammen nach ihr sehen
wird einer sie schon erspähen
und die anderen mit der Hoffnung anstecken
Zuversicht und Vorfreude erwecken
Mein Herz ist voll mit dem kommenden Jahr
Daß Alles immer anders kommt, das ist wahr.
Es ist wahr, daß wir selbst die Zukunft sind
Einzig das ist bereits vorbestimmt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURT

Lang trug ich meine Heimat
wie eine ungeöffnete Reisetasche
auf meinem Rücken

Unbequem und unbequem machend
Stach ich in jeder Menschenmenge heraus
Denn ich wollte mich nie bücken

Schmerz ist ein Auseinandersetzen mit Freude
Einsamkeit ein Ringen mit Gesellschaft
Davor kann sich kein Ankömmling drücken

Doch auch die Morgendämmerung kommt irgendwann an
und die Stadt, die Dir einst so schwer war,
wird Dich zum Schluß beglücken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE ALS PFLICHT

Familie
Grabstein
Sie alle warten darauf, ihren Namen
einen nach dem anderen in den Stein
einzumeißeln –
Damit sie endlich zusammen sind.
Aber nur im Namen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STERN

Eine einzelne Lampe
Eine Glühbirne
Hängt von der Decke runter
Die einzige Lichtquelle
Wie ein origineller Gedanke, der
alle Köpfe gleichzeitig befruchtet –
Wie eine uralte Empfindung
die ihre Reise von Anfang der Zeit begonnen hat
und nun hier am äußersten Rande der Schöpfung
über unseren Herzen schwebt
denn es ist Weihe Nacht,
der Tag an dem die Schöpfung lacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAMILIENVATER

Bin schwach heute
finde aber in meiner Umgebung keinen Platz
für das schwache mich.

Alle sehen mich mit Augen an
die mich wissen lassen, daß ich für sie stark bin
und stark sein muss.

Deshalb bin ich stark
auch wenn ich schwach bin
besonders wenn ich schwach bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung