LEIDNACHTEN

Während wir Geschenke auspacken
packen sie sich in Cartons ein.
Das Licht unserer Weihnachtskerze
reicht nicht bis nach Moria.
Und vielen anderen Orten.

Dann fange ich an, zu zu hören…
Ich lausche der Musik der Weihnachtsbäckerei
Ich schenke meine Ohren dem Wind
Und dem Gast den bitteren Wein,
doch die Stimmen aus Moria sind zu weit weg.

Ich höre sie nicht.
Denn es ist Weihnachten.
Fest der Glücklichen und der Freudigen.
Erwachsener stopfen sich voll, und versuchen
nicht zu denken an hungernde Kinder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STATUSMELDUNGEN

Wir besuchen einander täglich
mit unseren Augen,
streifen Welten, Anderer Innenwelten,
wo ihre eigenen Gesetze gelten,
streicheln Eitelkeiten,
berühren mit fremdem Blick fremdes Geschick,
sind einander für 24 Stunden ein bißchen näher
und danach ferner als je zuvor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUMENSCH

Ich bin hart
wie eine scharfe wunde Kante
und schieb gegen die Grenze einer Klischee
und verschieb Dein Weltbild
einzig und allein durch mein Da-sein.

Wie das Jahr kurz vor Silvester
Wie der Morgen kurz vorm Sonnenaufgang
Wie eine Empfindung, kurz bevor sie Gedanken erweckt
Steht die Welt heute vor Veränderung –
Und WIR sind die Veränderung, Du und ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUGEBURT

Das Jahr neigt sich meinem Ende
Ich habe so viele Häute ausgezogen
Ich sollte schon längst nackt sein
Doch ich bin noch dick angezogen

Die Unendlichkeit des Seins
Die Blätter fallen wie ein Buch
Schicht unter Schicht unter Schicht
Fallen weg wie Geschichte.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDSCHAFT MACHT BLIND

Mit weniger List
wurden Kontinente schon erobert
So viel Verrat, so feine Täuschung
kann es nur zwischen Freunden geben
Denn Feinde durchschauen einander sofort.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FESTHALTEN

Ein Ozean liegt zwischen uns
Als wäre es ein Gespräch ohne Worte
In fremden Gedanken positioniert
In einer Ecke meines Verstandes, die ich
Nicht orten kann –
Und der Ozean liegt einfach da,
Eine schwere tote Masse, ein Brei,
Ein ertrunkener unerhörter unausgesprochener Schrei!
Das Blut in meinen Adern füllt sich an wie Blei
Denn ich hadere mit Deinem Schicksal
Und kämpfe, um den Glaube an Dich nicht
Zu vergessen, Afrika.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN GEWÖHNLICHES LEBEN

Ich floh
in die Tat
in den Tag
in das Nichtstun
in die Nacht
in die Trauer
in die Träumerei
in die Sünde
in die Sühne
in den Streit
in die Sehnsucht
in das Lachen
in die Lust
und in das Leiden –
denn überall suchte ich Dich, meine Liebe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EWIGES GEDÄCHTNIS

Und das Herz ist ein bodenloses Faß
Das sich erinnert an alles, was der Kopf vergaß
Und sein Gedächtnis trägt in seinem Ausmaß
Die Grenzen von Schmerz und Freude, von Liebe und Haß
In der täglichen Grenzenlosigkeit
Von Zeit gegenwärtig in aller Ewigkeit.
Mein kleines Herz – und eng, und tief, und weit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSERE WAHREN GESICHTER

Die Masken machen eh keinen Unterschied
Wir hatten sie immer an.
Und selbst nach dem das Virus gebändigt ist
Bleiben die Masken – wie immer – an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN MITTEN DER GESELLSCHAFT

Ich greife nach der Gesellschaft
Wie ein Kind nach seiner Mutter greift
Wir ein Ertrinkender, den ein Halm streift
Wie ein Träumer nach einem Gedanken,
den er fast begreift –
Und er schleift und schleift an seinem Begreifenkönnen,
bis er nach und nach heranreift
und wird selbst zur Antwort seiner eigenen Frage
und einem neuen Teil seiner Gesellschaft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung