MENSCHEN, WIE MONDE

Menschen, wie Monde,
Sind näher nicht das, was sie weitaus scheinen
Lachen sie? Nein, sie weinen

Menschen, wie Monde,
Wechseln ständig phasenweise ihre Absicht
Nennen das Gezeigte ihr Gesicht

Menschen, wie Monde,
Ziehen ihre Bahnen, brauchen ihren Raum
Und sind doch gefangen in eines andern Traum

Schick zuerst Deine Sonde
Etwas aus Deinem Inneren, was Inneres in anderen erweckt
Denn viel zu viel ist in dem Menschen versteckt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SANDKORN

Sind die Planeten einsam?
Ein Sandkorn ist viel zu groß
Viel zu geräumig
Wenn ich mich verstecken will.

Du liest den Satz.

Aber Du siehst den Punkt hinter dem Satz nicht.
Doch da hättest Du stehen bleiben sollen
Und Dich in ihn vertiefen.
Das ist der Punkt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MAGNETEN

Auch wenn Ihr denkt
Ihr denkt
Ist es Euch nur geschenkt
Ausgeschenkt
Verschenkt
Wie Wein und wie Gift.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FARBLINIEN

Die Distanz akzeptieren
als die nächste Nähe

Wissen, daß der Versuch,
näher zu ziehen

ein größeres Distanzieren verursacht

Farbe ist die dünne Trennhaut
einer großen Distanz

Die Bindehaut zwischen
Toleranz und Akzeptanz

Die willkommene Illusion von Nähe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BITTE WENDEN

Das alte macht dem neuen Platz
Und wird selbst zum ewigen Schatz
Im Gedächtnis genannten Grab

Der Schmerz, den ich gestern vergab
Ist der Frieden, den ich heute hab –
Schreib auf meinem Grab nur diesen Satz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MASKENGEDICHT

Maskenpflicht
Versteckspiel
Zeig nicht Dein Gesicht
Verrat nicht Dein Ziel

Schutzschicht
Oder Lügenpflicht
Unklare Absicht
Und ein ungutes Gefühl.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GÄSTE DER NATUR

Wie viele Rassen sind wir?
Wie viele Rassen waren wir einst?
Wie viele Rassen werden wir sein?
Alle rätseln
Runzeln mit der Stirn
Die einen rasten aus
Die anderen ruhen in sich
Und keiner rudert zurück.
Nur die Natur, die Natur wird das regeln.
Die Natur hat Recht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

POLIZEILICH BEKANNT

Das Traurigste in einer Gesellschaft
Ist der Verlust an Vertrauen
In den Beschützer unseres Vertrauens
In die Vertrauenswürdigkeit unserer Gemeinsamkeit.

Das vertrauteste Gesicht des Staats
Ist nicht der/die Bundeskanzler/in
Das bekannteste Gesicht des Staats
und sein Herz, ist der/die Polizist/in.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MIT DIR EWIG LEBEN

Warum kann das Leben nicht ewig sein?
Das Leben muss ewig sein.
Das Leben ist ewig.
Wenn nicht auf Erden
Denn irgendwo sonst
Und dort will ich Dich treffen
Nach dem wir hier auf Erden fertig sind
Und anderweitig weiter suchen dürfen
Denn ich will mit Dir ewig leben, Ayabona.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER HIMMEL HÖRT NICHT AUF

Er saß neben mir im Auto
Ich fuhr
Ich nahm heute einen neuen, längeren, Weg
Durch den Wald…

Ist das mein Wald, rätselte er laut und nachdenklich?
Ich schmunzelte
Dann verschwand ohne Warnung der Wald
Und er schaute nach oben mit aufleuchtenden Augen

Es war ein wunderbarer hellblauer Morgen ohne Wolken
Er staunte
Dann sagte er voller Bewunderung:
Der Himmel hört nicht auf.

Gel, Papa? Der Himmel hört niemals auf.

Ich brachte ihn zum Kindergarten
Und beschloß
Ihm diese seine Worte in einem Gedicht zu verewigen
Für die Zeit, wenn er längst kein Kind mehr ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung