NEBEN EINANDER

Sie sind wie zwei Geister
die im selben gebrochenen Haus spuken
doch einander nicht wahrnehmen
durch einander hin gucken
sehen jeder seine eigene Welt.
Es ist ein leben nebeneinander
miteinander durcheinander
ohne einander. Ruhe und Frieden.
Und Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
#gedichtezumnachempfinden
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN ABEND EIN NEUER MORGEN

Der Tag neigt sich zum Ende
Ich bin geneigt, zu denken
er sei einer wie alle anderen vor ihm
seit wir uns alle gegenseitig von einander
distanzieren. Doch irgendetwas
war anders heute, irgendwas Kleines,
ich weiß nicht genau was. Aber ich
habe mich ein bißchen verändert.
Die Erde drehte mich um, und
machte neue Dinge mit mir.
Nur, komisch: So geht es mir
jeden Tag am Ende des Tages
in dieser endlosen Reihe
gleichförmiger Tage.
Ich ziehe abendlich eine neue Seele aus.
Also sind sie doch gleich? Denn
täglich geschieht genau das gleiche:
Ich entdecke mich ein bißchen mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EBENBILD

Meine Hautfarbe ist wie ein Magnet
der heimliche Blicke zieht…
Sind die Blicke deshalb so dunkel
weil meine Farbe dunkel ist?

Meine Haare sind Magnetstreifen
die meine Daten gespeichert halten –
Erscheine ich Euch so unleserlich
weil meine Haare so anders sind?

Mein Eigentum ist ein schwarzes Loch
das Neid und Gier anzieht;
Greift Ihr so gerne und listig nach ihm,
weil der Schwerkraft leicht zu erliegen ist?

Wer behauptet, es hat sich alles geändert
weil das jetzt eine neue Generation sei,
der ist entweder blind oder er lügt. –
Das Bild passt sich der Ebene zeitlich an.

Die neue Generation ist der alten
ihr Ausdruck und ihre klare Aussage
und, wenn sie sich ertappt fühlen,
ihre empörte Ausrede.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UNSICHTBARE WAHRHEITEN

Wenn wir Gedanken lesen könnten
wären Freunde Feinde und Feinde Freunde
viele Paare längst getrennt
viele Fremde längst zu Paaren geworden –
von Vor- und Untergesetzten brauchen wir nicht dichten.
Gedanken: so laut und doch so unleserlich.

Wie viele Menschen schauten schonmal
dem Partner in die Augen und dachten verzweifelt:
“Wieso kannst Du meine Gedanken nicht lesen?”
Wie viele Menschen schauten schonmal
dem Partner in die Augen und dachten erleichtert:
“Zum Glück kannst Du meine Gedanken nicht lesen.”

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VER-RÜCKT

Coronaverleugner? Psychiatrie.
Quarantäneverweigerer? Psychiatrie.

Staats- und Regierungskritiker…
Psychiatrie?

Andersdenkender?
Meinungsäußerer?
Mensch.

Sind wir alle verrückt geworden?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UMGEKEHRT

Eines Tages
sagst Dir selbst
egal sei was
einmal es war
Heute fängt
mein Leben an

Das Klavier alt
Die Reigen neu
Ich möchte diesmal
von meiner Gitarre
gespielt von meinem
Sax geblasen werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WALDWEGE IN DIR

Und ich nahm den weniger genommenen Pfad
doch kam ich nicht so weit wie auf der Geraden
denn Du schrecktest auf – und das war … schade.
Erschrocken machtest Du Dich wieder zu –
Jetzt sitzt Du wieder auf dem Grad.

Doch, warst Du erschrocken oder nur überrascht?
Wie viele Fremde haben an Deinen Waldblüten je genascht?
Deine Geheimnisse schonmal plötzlich erhascht?
Machst Du Dich dann immer erschrocken zu?
Oder war ich Dein erster derart intimer Gast?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAS PERFEKTE VERBRECHEN

Stell Dir vor?
Du kämest zu mir
in Liebe mit Liebe aus Liebe
brachte mir die Liebe bei.
Liebe Licht und Leben.

Im Gegenzug:
Ich schlage Dich mit Nägeln
auf einen Holzbalken
bringe Dich grausam um.
Liebe Licht und Leben.

Stell es Dir nur vor
sage mir:
Wäre dadurch Deine Mission
erfolgreich gewesen oder nicht?
Liebe Licht und Leben.

Es kommt noch besser.
Morgen erzähle ich rum, insgeheim
wolltest Du nur umgebracht werden –
Stell es Dir nur vor.
Liebe Licht und Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JUDAS

Er küsst wie ein Freind
leidenschaftlicher als ein Freund und
kälter als ein Feind
Umarmung ist die Tarnung der Verleumdung

Küss mich nicht
verpass mir lieber einen Stich
Deines Dolches und Deiner Frust,
Freind, direkt mitten in meine offene Brust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

APRIL IN DER QUARANTÄNE

Mein Herz ist ein Loch
aus dem der Frühling springt
und überrascht mich

Ich stehe am Fenster und schaue zu
wie er aufblüht und vorbei läuft
wie meine alte Jugendliebe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung