Frag mich nicht warum
Darum liebe ich die deutsche Sprache
Sie ist unerklärlicherweise
Die Aussprache meiner inneren Stimme.
– Che Chidi Chukwumerije (25.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Frag mich nicht warum
Darum liebe ich die deutsche Sprache
Sie ist unerklärlicherweise
Die Aussprache meiner inneren Stimme.
– Che Chidi Chukwumerije (25.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Gestern, wie unsichrer Boden,
wurde mir so schnell unter den Füßen
weggezogen. Das Leben gestattete
es mir nicht einmal, mein eigenes Gedicht
zweimal zu lesen und so war’s gewesen
Als wär’s nie gewesen. Das nächste steht
verschwindend schon vor der Tür.
Wen ich heute liebe, liebe mich heute zurück.
Morgen reimt nichts mehr mit gestrigem Glück.
– Che Chidi Chukwumerije (24.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Manche Ringe sind so tief
Du musst sie auf die Oberfläche ziehen
Um sie anziehen zu können
Manche Wälder sind so wild
Du musst sie als Gärten erzählen
Um sie begreifbar zu machen
Manche Schmerzen sind so lähmend
Du musst sie lächelnd ignorieren
Um sie ungestört in Dir wüten zu lassen
Einst liebte ich die Tiefe
Verpönte die Oberfläche
Bis die Tiefe mich verriet
Und die Oberfläche mich tröstete
Vorübergehend und oberflächlich zwar
Doch genau richtig für dort
Wo ich innerlich gerade war.
– Che Chidi Chukwumerije (23.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Meine Hände haben Lust
am Wandern
am Heben und Halten
am Falten, am Entfalten
Unter dem Hautkleid meiner Hände
wohnen je sechs Männer
Meine Hände haben Lust
am Handeln
am Suchen und Entdecken
am Finden und am Verstecken
unter den Deckmantel des Tastsinnes
Sinne ohne gemeinsame Nenner
Streicheln, fausten, schlagen, greifen
reiben, ruhen, glätten, kneifen
beten und bitten und gebieten. Mitreifen,
mitreden, mitfragen, mitbegreifen
Meine Hände haben Lust
am Wundern
am Nehmen und Geben
am Wissen, und am eigenen Leben
Unter der rauen Oberfläche
Lebt ein charaktervoller Wahrheitserkenner.
– Che Chidi Chukwumerije (22.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Jedem neuen Partner
verriet sie alle Geheimnisse
aller vorherigen, selbst die,
die sie versprochen hatte, niemals
zu verraten.
Jedem neuen Partner
war der letzte, hier würde sie
sicher mit allen ihren Geheimnissen
geborgen für immer wohnen.
Jedem neuen Partner verriet sie
sich, ganz, und hoffnungsvoll
und dankbar und endgültig.
Jedem neuen. Immer und immer
wieder ließ sie sich fallen.
Ergab und vergab sich ganz.
Doch das Leben wie eine Blume
Wechselt sein Kleid Blatt um Blatt
Ist mit Wechseln nimmer satt
Wechselt seinen Eid Blatt um Blatt
Und betrachtet das nicht als Verrat.
– Che Chidi Chukwumerije (21.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Die Kabineninnenbeleuchtung
wie Gardinenstangen
an denen wir hängen in der Luft
Von der Luft gehalten
halten wir die Luft ein
Von der Erde angezogen
ziehen wir irdisch um
Vom Schicksal zusammen gehäuft
dennoch sitzt jeder allein
Manche schlafen und manche wachen
und bald ist der Flug rum.
– Che Chidi Chukwumerije (20.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Wie lange besteht die Mauer
bis sie fällt? Die Mauer, die steht
zwischen den Menschenrassen
Als Gruppenidentität.
Sie macht noch keinen Anstand
zu fallen,
noch etwas anderes als Verschwörung
und am besten versteckte Intoleranz
sich zu gefallen.
Wie lange bestehen die Menschen noch
bis sie zur Menschheit ehrlich wird?
Menschlichkeit geistert irgendwo in uns,
verirrt verwirrt.
– Che Chidi Chukwumerije (19.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Flüstern
Damit unsere Gedanken nicht hören
Was unsere Empfindungen schwören
Damit unsere Gedanken nicht stören
Flüstern
Damit unser Verstand nicht laut auffängt
Was unser Geist leise empfängt
Damit der Kopf den Geist nicht bedrängt
Flüstern
Weil immer wenn die Schöpfung schweigt
Die Natur dann zum Enthüllen neigt
Irgendwas, was sich nicht gerne zeigt
Weil Geheimnisse nur leise singen
Wenn sie singen von schönsten Dingen
Die zärtlich nur ins Intimste eindringen,
Flüstern.
– Che Chidi Chukwumerije (18.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Er ging täglich die Treppe auf und ab
Ein Nachbar sagte, er käme aus dem Grab
Weil er jemandem noch nicht vergab
Ach Quatsch!, er ist aus Fleisch und Blut
Sagte ich überzeugt, es geht ihm gut
Er ist nur Einzelgänger, doch ohne Wut
Ein paar Tage später im Treppenflur
Grüßten wir uns wie immer durch Nicken nur
Von Geisterhaftem an ihm keine Spur
Ich lächelte und gab ihm meine Hand
Er gab mir auch seine, doch es fand
Kein Kontakt statt. Ich traf die Wand!
„Also bist Du doch ein toter Geist!“
„Geist bin ich gewiß, wie Du es heißt,
doch sehr lebendig – wie Dein Auge beweist!
Und Geist bist Du auch, nur hast Du noch
die irdische Hülle, ich nicht, und doch
ringen wir beide unterm selben Joch!“
„Warum kommst immer zu diesen Treppen?“
„Ich möchte den treffen und mich entschuldigen,
den ich mal ermordete auf diesen Treppen.“
– Che Chidi Chukwumerije (17.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Schüsse auf die Demokratie
Grüße von der feigen Partei
aus dem Untergrund
Weit unter dem Grundgesetz
Es gibt einen Grund warum
die Gesellschaft einst befreit wurde
von der Herrschsucht der Selbstsucht.
Einschusslöcher in die freie Gesellschaft
Einwegdenken-Motto:
Wir rühren uns nicht vom blinden Fleck
Jenseits vom Grundgesetz,
dem Auffänger und der Schutzhülle
der durch Leid gewonnenen Idealen
einer neuen Menschheit.
Schüsse!
Wachruf an die Wächter der Idealen
Die Schützer des Hohen Traums
Die sich Erinnerer des gestrigen Alptraums
Die Unvergifteten
Die Begreifer des Wertes des Grundgesetzes
Die Torwärter einer menschlichen Zukunft.
– Che Chidi Chukwumerije (16.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
