DAS RICHTIGE VERINNERLICHEN

Ein Stein fiel vom All in den Himmel hinein, verglühte fast, doch überlebte ein Rest und erreichte die Wolken, fiel weiter, wurde vom Wind erfasst, sank jedoch tiefer, bis er auf eine Bergspitze krachte und zerbrach in mehrere Teile.

Ein Teil allerdings rollte den Berg herunter und fiel mit lautem Ton in den See am Fuße des Berges hinein, störte die Oberfläche und erweckte Wellen. Dann sank er tiefer.

Ein Fisch hielt ihn für Nahrung und schnappte zu, biß ein Stück ab, schluckte es. Das Überbleibsel, ein Stückchen, sank immer tiefer, erreichte endlich den weichen Seeboden. Da lag es eine lange Weile, bis der Boden ihn allmählich verschlang.

Und siehe da, es war kein Stein. Es war ein Samen, eine Saat, und es keimte… – Nun wächst langsam eine neue wundersame Pflanze, lautlos, ungeahnt, aus dem Inneren Deines Geistes heraus, am tiefsten Boden Deiner Seele. Eine Erkenntnis, zart, blüht.

Denn nur die wenigsten Wahrheitskörnchen dringen tief genug in uns ein, um unseren Geist zu erreichen. Die meisten werden irgendwo von unserer Klugheit abgefangen und zerstört oder wir werden abgelenkt. Nur ab und zu, seltenst, wird Fundamentales von uns wirklich richtig verinnerlicht.

– Che Chidi Chukwumerije.

EIN GLÜCKLICHES GEDICHT

Zum Glück und Pech
Hab ich Gleiches zu dichten
Ein Gedicht ist ein Versteck
Mehrerer Schichten

Wäre Schicksal Geschichte
Wäre es ein Gedicht
Kein Leben ist lang genug
Zu ertragen Gottesgericht

Es sei, es wären alle Seiten
Eng zusammen verdichtet
Beim Nehmen sind wir gleich
Zum Geben verpflichtet

Alles ist in einem erreichbar
Mache Dein Leben zur Dichtung
Und schließe all Deine Kreise
Mit nur einem Wechsel der Richtung.

– Che Chidi Chukwumerije.

VERZEIHUNG

Es ist erstaunlich, wie viel
Die Liebe verzeihen kann
Der Mann seiner Frau
Die Frau ihrem Mann
Machtlos gegen die Macht der Zeit
Die irgendwann alles befreit

Das werd ich Dir nie verzeihen
Hat jeder mal gedacht
Doch die Liebe, die Herzverräterin
Ach wie sie lacht…
Alles, was sie braucht, ist genug Zeit
Dann ist Dein Herz auch so weit

Und es verzeiht, will verzeihen
Wahre Liebe hat ein Eigenleben
Die Zeit ändert den Liebenden
Erweckt in ihm neues Bestreben
Alter Streit erscheint uns nicht mehr wichtig
Nur Liebe ist dem Herz immer richtig.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HERRSCHAFT DER LÜGE

Wir glauben unseren eigenen Lügen
Mangels der Wahrheit. Die Nachrichten
Riechen nach Lügen, doch wir fügen
Uns unruhig ein, gegen unsere Ansichten
Aus Liebe zur Ordnung und Ruhe
Ohne Nachfrage, ohne Mühe.

Auch wenn eine Lüge Reim noch Sinn
Ergibt, gibt sie uns einen alternativen Halt,
Beruhigt unsere Angst vor dem Unbekannten
Bietet zur Orientierung eine Handlungsbasis
Denn nicht die Wahrheit ist uns heilig
Leider. Sondern unsere Ruhe.

Bald wird das Internet eh gesperrt
Artikel 13 filtert alles weg, was wahr sein
Könnte, in der Behauptung, es muß geklärt
Werden, ob es nicht doch Lug, Trug und Schein
Alles ist. Die Wahrheit muß sich ab jetzt
Rechtfertigen, denn Lügen wurden verletzt.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der Deutschen Dichtung

KEINE NATUR KEINE SEELE

Bäume
Träume der Erde
Atembeschwerden. Atemnot
Der Baum ist ein Griot
Sein Stamm älter wie Deiner und meiner

Verwelkte Blätter
Allwetter, reifen. Begreifen
Würgegriff. Luft! Luft!
Sich krümmend vor Schmerz. Abschied
Ertrunken. Müll. Wüste. Und wir wussten es.

Jetzt erheben Kinder den Schrei
Fahrt linder mit Mutter Erde!
Futter für Wind oder Kampfgeist?
Wer der Natur fühlbar Achtung zollt
Säubert seine eigene Seele unsichtbar.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WIRBELSTURM

Gefühlenkarussell
Dunkel folgt auf hell
Und schnell.

Gestern hasste ich Dich noch
Doch die Liebe ist ein schräges Loch
Aus dem mein Verlangen wieder kroch

Gedanken in Umlauf
Ich habe gelernt, sie
Gar nicht ordnen zu versuchen…

Die Grundempfindung ist vorhanden
Und habe ich sie endlich verstanden
Werden auch die Gedanken landen.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.

WANDERLUST

Aufregung. Die Welt
Vor mir ausgebreitet. Eine Braut
Einladend liegt. Schreit. Offen weit
Mein Herz dem Ganzen. Befreit
Raum und Zeit. Entfesselt und gepaart
Ich und der Rest von mir –
Die große weite Welt.

– Che Chidi Chukwumerije.

GEDULD

Was teilst Du gerne
Mit den Mitmenschen?
Deine Stärken
Oder Deine Schwächen?

Ich glaube, die Schwachen
Teilen gerne ihre Stärken
Die Starken
Teilen gerne ihre Schwächen

Was gibt es zu lernen
Von unseren Mitmenschen?
Wie wir Masken
Auf- und absetzen

Und zu lernen,
Die Stärken unserer Schwächen
Und die Schwächen unserer Stärken
Nie zu unterschätzen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ERGÄNZUNG

Für jemand anderen ist Dein Alltag exotisch
Deine Kultur, Deine Sprache, Dein Name
Dir Selbstverständliches ihnen komisch
Distanz macht nicht weniger menschlich
Unterschiede halten die Welt zusammen.

Nichts ist schöner als zu erleben
Wie jemand Deine Andersartigkeit ehrlich
Wahrnimmt – ihm fremd zugegeben –
Doch die Grundartverbindung überwiegt,
Einer sich gegenseitig ergänzenden Spezies.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ÖFFENTLICHES

Der Herr mit seinem Fahrrad
Am Bahnsteig, Feierabend
Die drei Obdachlosen
Lauthals argumentierend

Smartphone und Tabletts
Lesen den Menschengeist
Entziffern ihn allmählich
Diese U-Bahn entgleist

Menge voller Individuen
Versichert. Verunsichert.
Hauptsache sich nicht verplappert
Hauptsache sich nicht verkleckert

Hauptsache sich nicht entblößt
Vor allem sich nicht verraten
Als Mensch und als Unmensch
Das macht man nur im Privaten.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung