DIE FARBEN DES ABENDS

Die Farben der Worte
sind heller am Freitagabend
Aber bis Montag blenden sie nicht mehr
montags sind die Narben schwerer und
abends suchen sie die Tiefe

Suchen nach dem Abgrund
der Gefühle, die sie riefen, hervorriefen
Abendstund hat Sold im Mund -
Ein Schlag in den Magen, Du wirst‘s wagen,
Deine farbenfrohe Seele schwarzweiß einzurahmen.

Weder Wahrheit noch Lüge befriedigt
so tief wie das Berühren Deines Inneren Abgrundes.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE STERNE UND WIR

Die nachtkalten Graphitaugen der Fernen
schielen abgehoben nach uns,
nach der Vergeblichkeit unseres Tuns,
unserer Sehnsucht nach ihnen, Sternen.

Distanziert, wie einsam müssen sie sein?
Denken sie oder denken wir?
Wer Billionen Jahre lebt, ist ein Souvenir
des Verlangens gefangen im All ganz allein,

denken wir. Aber sie denken es sich anders.
Wer keine Zeit hat, sich lang zu binden,
lang zu teilen, lang Tiefe zu empfinden,
ist dessen Leere, Einsamkeit, nicht besonders?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN MEINER ERINNERUNG

Gesichter ohne Namen,
Wo sind Eure Namen alle hin?
Die Jungen, die Damen,
Mir einst so nah, es war alles drin.
Wo sind Eure Namen heute alle hin?

Ab und zu eine Wiederbegegnung
Mit einer fremden Person jedes Mal.
Nur in meiner Erinnerung
Leben meine Vertrauten immortal,
Bleiben bei jedem Besuch original.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAUCHEN AUF GUT GLÜCK

Ein Tag mehr
Ein Tag weniger
Macher bereuen wenig
Träumer bereuen mehr

Lass die Tage nicht leer zurück
Ein Tag ist ein Tauchen auf Glück
Je tiefer, desto belohnender
Oberflächlichkeit ist abtötender

Du wirst sterben
Befreie Dich von JEGLICHEM äußeren Zwang
Hinterlasse heute auf Erden
Deinen eigenen inneren Schwanengesang

Ein Tag mehr
Ein Tag weniger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DES HERBSTES ERSTE GEFALLENEN BLÄTTER

Daß sie gelebt haben,
vielleicht geliebt -
Daß sie gestrebt haben,
Sehnsucht gekriegt -
Daß sie die Welt kannten
und Abschied auch -
Vor Freud und Leid brannten,
Gefühl im Bauch -
Daß sie ihr Alles gaben
mit ganzer Kraft -
Daß sie uns Tolles gaben,
schöne Landschaft -
Sehn wir ihnen an,
wie sie friedlich da liegen,
braun, welk, ihre Arbeit getan,
friedlich abgeschieden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS ANDERE NICHT TIEFER QUÄLT

Was fehlt einem so Großes
was anderen nicht mehrfach fehlt?
Was andere nicht tiefer quält.

Und die, der gegenüber
Er sich beschwerte, hat sich gestählt
und ließ ihre Leiden unerzählt.

Sie hörte zu und tröstete
aber ihr Herz war wund geschält
Und in ihren Augen hat‘s geschwelt

Aber er merkte es nicht
hat sie mit seinem Verlangen gepfählt
und sich mit ihr für eine Nacht vermählt.

Sie ließ sich durch ihn ablenken von
Euch Schmerzen, die ihre Freude täglich stehlt.
Wahrlich: SIE hat ihn ausgewählt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KURZ UND LANG LEBEN

Wer lang genug lebt
zeigt irgendwann seinen wahren Charakter
Je länger ein Mensch redet
desto exakter wird er und immer exakter
im Enthüllen seiner wahren Absicht -
Ein Roman ist verräterischer als ein Gedicht.

Und dennoch. Sehr oft
ist es diejenigen, die kurz leben
Sehr oft ist es diejenigen
die wenig reden, die an uns kleben
weil sie Ehrlichkeit und Wahrheit
hinterlassen - eine lebenslange Klarheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRÖSSER WERDEN IST KLEINER WERDEN

Wollen wir größer werden?
Müssen wir kleiner werden.
Die kleinen unscheinbaren Dinge:
Schliessen die täglichen Ringe.
Lächeln und Guten Morgen sagen
der Familie bevors Einsteigen in den Wagen;
Den womöglich verletzenden Witz unterbinden
Bevor die Worte den Weg über meine Lippen finden;
Ein paar herzliche Grüße senden
per Handyaustausch mit entfernten Freunden;
Die Natur schätzen, schützen, auch im Kleinen -
Dem Planeten danken, wir haben nur den einen.
In der Wohnung auf unsere Regeln achten -
Daran denken, was wir dabei dachten
Und selbst wenn andere anders denken als ich,
jung oder alt, Respekt, denn sie bereichern mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIEDER AUFZUSTEHEN

Just als sie dachten
sie hätten Dich gekreuzigt
stehst Du wieder auf -
Wohl dem, der Dich beherzigt!

Die Tiefe des Menschengeistes
seine Vielschichtigkeit
hören nie auf zu verblüffen -
übertreffen seine Weitsichtigkeit:

Du kennst Dich selbst nicht
was Du ertragen und überwinden kannst
weißt selbst Du nicht -
weshalb Du nie dafür planst,

nach Deinem Tod wieder zu erwachen
wieder zu erstarken und aufzustehen
das Vergangene hinter Dir zu lassen
und, weise geworden, weiter zu gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE NACHT IST MEINE

Die Nacht ist meine Freundin
Sie trennt sich von mir jeden Morgen
versöhnt sich mit mir wieder jeden Abend
schenkt philosophische Ohren meinen Sorgen.
Wie eine Wand, undurchdringlich
schiebt sie sie zwischen mich und gestern
macht mich bereit für die Zukunft täglich
als wären sie und meine Seele Schwestern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung