SOLLEN WIR

Sollen wir uns sollen,
wollen wir uns wollen,
können wir uns können?

Wenn das Ziehen uns gegenseitig zieht,
wenn das Sehen uns gegenseitig sieht,
wenn die Ruhe uns gleichzeitig entflieht,

mögen wir uns mögen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH SAH EINEN BAUM

Ich sah einen Baum
Er saß mitten im Raum
Atmete kaum

Hatte er einen Traum?
Felsenfest oder Schaum?
Gefangen an der Gesellschaft Saum

Ich drucke Dir den Daumen.

Überwinde Deine Launen
Lausche mit Erstaunen
Deiner inneren Stimme Raunen.

Die sollst Du hinaus posaunen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PERSPEKTIVE WECHSELN

Die Größe des Geistes zeigt sich darin,
Gleichart im Menschsein erkennen zu können.
Auch wenn im Moment anscheinend Wahnsinn
herrscht, diesen Gedanken werd ich mir gönnen:
Perspektive wechseln, es gibt auch Gewinn
im Schmerz, dem fast bodenlosen Brunnen,
aus dem wir schöpfen neuen Lebenssinn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE EWIGKEIT

Ewigkeit - ständige Erfüllung der Gegenwart -
Wie normal Du Dich anfühlst in diesem Augenblick!
Wer könnte denken, dass Du schon überall gewesen warst,
In jeder Zeit, an jedem Ort, bei jedem einzigen Geschick?

Und überall warst Du gewöhnlich und normal,
Hast Dich genau so modern angefühlt wie hier und jetzt!
Und dennoch wiederholst Du Dich nie zweimal,
Bist in jedem Augenblick neu, unikal zusammengesetzt.

Was bist Du? Wir nennen Dich Zeit, doch Du bist zeitlos.
Wir nennen Dich Alles, doch Du bist raum- und wesenlos.
Was bist Du? Du nimmst uns mit, läßt uns aber auch los.
Mitgehen: Jedem seine Entscheidung, jedem sein Los.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBER HERBST

Lieber Herbst,
Bist Du das hinter dem Vorhang
Aus tiefem Grün? Irgendjemand
Macht mit uns einen Scherz,
Läßt unsre Augen
Den Sommer noch blicken, lange
Nach dem seine Schwanengesänge
Ihrem Ende langsam neigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MONDFREUND

Ich suchte einen Mond als Freund
der wächst und da ist, wenn ich ihn brauche,
und sich zurückzieht und verschwindet
wenn ich in mein Alleinsein wieder eintauche.

Denn ich beziehe meine Kraft
mal aus der Freundschaft
mal aus dem Alleinsein -
Hauptsache echt sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TEIL

Wir gehen denselben Weg -
Siehst Du mich auch? Oder denkst Du,
das ist bloß nur ein Schatten Deiner Gedanken?

Wir lieben dieselbe Frau -
Siehst Du ihre andere Hand in meiner?
Oder denkst Du, sie greift nach Luft?

Wir rauchen dieselben Idealen -
Siehst Du, wie sie mich beflügeln? Oder
Denkst Du, das ist nur Rauch da oben?

Das bin ich aber, weder Schall noch Rauch,
Teil dieses Unerklärlichen namens Moderne -
Teilträger unseres Schatzes.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER ERSTE

Nächster Halt:
Der Nächste halt.
Nächster, halt!
Gib mir Wärme, mir ist kalt.

Aber er hält nicht, der nächste,
Denn er ist genauso wie der letzte.
Der, den ich wirklich finden muss
Schreitet in meinem eigenen Fuß.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GUTE NACHT, DUNKLE NACHT

Gestern schnell vergessen,
denn morgen kommt schnell –
Schließe nachts meine Augen,
morgen wird‘s sowieso wieder hell.

Gute Nacht, dunkle Nacht,
schwach beleuchtet dennoch sacht
mit Mond und Sternen überdacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE LANGE EINE WUNDE BRAUCHT

Jedes Mal vergesse ich, wie lang
eine Wunde braucht um zu heilen.
Dann wird wieder eine neue Wunde
in meine Seele gepflanzt - klein am Anfang,
dann fängt sie an, sich zu teilen,
zu vermehren von Stunde zu Stunde

Über Tage, Wochen, Monate, Jahre
wächst sie wie eine Pflanze. Wunden blühen
bis irgendwann die Früchte fallen…
Erst dann beginnt die Heilung, die wahre.
Bis dann werde ich mich bemühen,
Dir zu verzeihen, mich mir wieder zu gefallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung