SPÄTLING DER VERINNERLICHUNG

Von manchen Reisen kehrt man nie zurück.
Es kommt jemand zurück, doch nicht der, der ging.
In Deinen Augen Trauer, Wunder oder Glück,
denn die Blätter sind gefallen. Es ist der Spätling.
Er ist herb, herber, Herbst.
Er entblößt, er macht kalt, er schmerzt.
Er befreit vom Gewicht der Masken und Erinnerung -
Tiefer als Erinnerung ist die Verinnerlichung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NICHT AUSTEILEN

Egal wie viel Schmerz ich in mir hüte,
würde es mich mehr schmerzen,
den Schmerz weiter zu geben an Dritte -
Ich behalte ihn in meinem Herzen.

Leid geteilt wird nicht immer weniger -
Ausgeteilt wird er nur noch heftiger.
Richtig eingeteilt macht es einen inniger.

Er lässt sich nicht aufteilen oder verteilen;
Nur im ihn Austragen wird er Dich heilen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EINBLICK

Jeder Blick
ist Einblick
ins Seelenleben
und Geistesgeschick

Im Augenblick
wütet Sturm und Beben
Im Innenleben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MIKRORASSISMEN

Es ermüdet, täglich auf der Hut zu sein. zu bangen;
Feindseligkeit statt Freundlichkeit
aus viel zu vielen fremden Blicken zu empfangen,
Angriffe aus dem Nichts. Hinterhältigkeit.

Es enttäuscht, nicht vertrauen zu können;
den nächsten Dolchstoß ständig zu erwarten;
Wenige zu kennen, die Dir Gutes gönnen;
begriffen zu haben, Du gehörst zu “Fremdarten”.

Es macht Dich stark und schwach zugleich;
Du darfst zart sein aber niemals weich;
wirst Armut überleben aber wirst nie reich.
Zwischen Euch liegt ein unsichtbarer Teich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEITERLEBEN

Anstatt zu sterben, wie erwartet,
lebte ich weiter…
Ein Vogel ziehend im Sonnenuntergang
Eine Glocke mit noch einem Nachklang
Ein einsamer Kletterer am Berghang
Ein Schwan ohne Sterbegesang
Anstatt zu sterben wie erwartet,
lebte ich weiter…

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HEIMFLÜGE

Und wenn ich weg fliege,
schmiege ich mich um so intensiver
an Dich, meine Liebe. Ich kriege
mit, wie immer sensibler und sensitiver
Dein Verlangen nach mir wächst
Flügeln wächst und mir nach fliegt
dorthin, wo ich nicht bin – es ist verhext –
denn Dein Herz ist wo mein Herz liegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KURZ VOR MITTERNACHT

Kurz vor Mitternacht
schweige ich mit der Nacht
und höre, wie sie leise lacht …

Sie atmet ein, sie atmet aus,
umarmt und durchdringt das Haus
mit Wesen und Empfindsamkeit
und süßer tiefer Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GUTEN ABEND GUTE NACHT

Guten Abend gute Nacht,
gut aussehend, voll und sacht,
Kopf bis Fuß in Wolkentracht,
hast Liebe gemacht
und lieblich gelacht
und die ganze Nacht
bei uns verbracht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MANN UND SCHMERZ

Wie viel Schmerz kannst Du ertragen
bevor Du ihn nicht mehr ertragen kannst?

Wie viel Schmerz kannst Du ertragen
bevor er Dich nicht mehr ertragen kann
und Dich weiter ziehen lässt?

Du bist stärker als sie es der Welt sagen -
Schmerz erprobt und winterfest!
Du kannst weit mehr Schmerz ertragen,
als Du es mit Worten erklären kannst.

Denn Du bist ein Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Poems from the inner river

NACHTSTILLE

Die Stille geht weiter
Wie eine Himmelsleiter
Führt immer höher empor
Weiter oben als je zuvor
Bis die Welt verschwindet
Und das Herz sich mit dem verbindet
Was die Liebe tief empfindet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung