Mein Herz ist voll Ich kann es nicht leeren Denn Du bist nicht da - soll Ich schreien? Würdest Du mich hören? Ton ist Dur, Schweigen Moll. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Dichtung
DER DORFWANDERER
Es läuft ein Mann von Zeit zu Zeit Auf der Dorfstraße Und ahndet mit keinem Blicke mich Oben auf der Terrasse Er redet wirr und wirres Zeug Mit jemandem in seinem Kopf Er redet ernst und lächelt plötzlich Und spielt mit seinem Zopf Weiß er, wer überhaupt regiert? Wer im Parlament sitzt? Weiß er, welche Rechte er Wie wir alle besitzt? Und wenn man ihn doch sprechen tut Blickt er überrascht hoch Und grüsset höflich, scheu und nett Mit traurigen Augen doch. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
VERÄNDERUNG KOMMT
Wie raues Papier kratzen sanft aus der Ferne Fußtritte vor der Haustür langsam, dennoch erkenne ich die Unruhe in den nimmerendenden Wiederholungen seiner Kreise Ich habe den Eindruck, da steht mein anderes Selbst vor der Tür meines Bewusstseins und will hinein - nur weiß ich nicht: Ist es mein altes Selbst oder ein neues unbekanntes Ich? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SEHNSUCHT NACH UNMITTELBARKEIT
Ich wünschte Ich könnte einmal Die Empfindungen und Gedanken Die ein Tag mit sich bringt Mit Dir teilen Und dafür Die unzähligen Worte Die wir täglich tauschen Einmal verschweigen und Gemeinsam in unserer Wahrheit verweilen Leben wir einmal Einen Tag wie ein tausend Jahre Erleben wir einmal Ein Leben wie im Flug Ohne uns zu beeilen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MIT MENSCHEN
Wo gibt es sie nicht, unsere Mitmenschen ohne Menschen? Wo gibt es sie nicht? Da gibt es keine Menschen. Je mehr Menschheit Desto mehr Unmenschlichkeit Je mehr Menschen Desto mehr Einsamkeit Warum? Und unten im Tal Umarmen sich die Häuser Wie Freunde aus Es-war-einmal. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BRÜDERLEIN
Heute ist wieder der Tag die Welt nicht zu hören denn ich will Dich wieder hören so wie an unserem letzten Tag Ernster wie sonst war Deine Stimme kurz Dein Lächeln Ich schenkte Dir zurück meines Herzens Lächeln doch warum verlor ich meine Stimme? Ich wollte Dich bitten nicht zu gehen Ich wollte Dich bitten aufzupassen Doch, Er wird schon auf sich aufpassen, sagte ich mir und ließ Dich gehen Und bis heute warte ich. Du bist ein Adler, ein Sucher, ein Finder Ein Reisender, ein Mensch, ein Empfinder und hoffnungsvoll warte ich. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HOCHFAHREN
Langsam schoben wir die Berge auseinander Drückten das Tal fest entschlossen zum Boden Züngelten uns enge Bergstrassen hoch, entzogen Uns Schichten von Geschichten nacheinander. Dann kamen wir an, oben Am höchsten Punkt des Berges Füreinander da, verliebt ineinander. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNBÄNDIG
Lasst Euch nicht fallen - Wie die Frühlingsblumen, steht auf Es wartet eine Welt da draussen Gestern sucht Morgen. Wir sind der Staffellauf. Laufen wir also. Steht auf, steht auf! Schaut! Weit in der Ferne und noch weiter Das sind keine Sterne, das sind wir In der Zukunft, unbändige Freudenreiter Die Freuden kommen, wenn wir reiten Steht auf! Es warten auf uns neue Zeiten Aufregend. Sie wollen uns dazu anregen Sie mit Menschlichkeit zu prägen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ENTLADUNG
Sie schlich wie ein würziger Geschmack Meine Zunge entlang Gelang an mein Bauchgefühl Gefühlt elfmal gekommen in elf Minuten Krabbelte und kribbelte minutiös Wohlwissend meine Schwäche war ihre Munition Mutig und mutlos folgte ich Mund an Mund, ich war mundtot Und dann kam wieder der schöne Ausklang Ich zeichnete Runen ihre Rippen entlang Entladen, entspannt, befreit von dem Drang. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
JEDES MAL ANDERS
Niemand kehrt aus einer Reise unverändert zurück Nicht Mann oder Frau, Mädchen oder Jüngling Nicht Erinnerungen an Glück oder an Unglück Nicht Gedanken, Versprechen oder ein Beweisstück Und fürwahr auch nicht der Frühling. Irgendwas an ihm ist anders dieses Jahr Er kommt nicht wie sonst wie ein Eindringling Sondern in kleinen Schüben wächst wie Haar Reifer, nachdenklicher, wissender. Fürwahr: Verändert hat sich erneut der Frühling. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
