Als er am Flughafen landete, ahnte er nicht, daß er nicht alleine unterwegs gewesen war, sondern das Ansehen seiner Herkunft mitschleppte und die ganzen Vorurteile ihr gegenüber sogar. Alle starrten ihn an, doch irgendwann verstand er, daß keiner ihn als Einzelmensch wirklich sah. Er verlor zweifach seine Anonymität. Umgekehrt sichtbar und unsichtbar, verlor sich selbst beinah. Wie die große weite Welt kleiner sein kann als ein kleiner Heimatort, ist ein Rätsel, das manch einen Weltwanderer oft verblüfft. Vielen wird die Freiheit schließlich zur Fessel. Gott urteilt Dich persönlich. Der Mensch selten - sei das gerecht oder ungerecht, tiefsinnig oder seicht. Es ist fast egal, was Du als Einzelner tust - Wichtig ist nur, was Ihr als Community erreicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Dichtung
SEHNSUCHT NACH DEM VATER
Ein Kind wächst und siehe, da wachsen auch in seiner Seele ohne Antworten Fragen viele: Andere haben Väter. Ich etwa nicht? Fragen Gedanken, Worte, Empfindungen, Gefühle. Wo kommt er her? Wie heißt er wirklich? Warum bleibt er denn fern? So fern. In diesem Menschenherz wohnt ewig ein Kind und eine Frage: Hat er mich nicht gern? Was ist ein Land, das einen Berg nicht tragen kann? Was ist ein Herz, das Schmerz nicht ertragen kann? Was ist ein Mann, der Verantwortung nicht austragen kann? Was ist eine Reise, die Hindernisse nicht vertragen kann? Das habe ich nie verstanden, daß ein Mann in ein fremdes Land reist, dort Kinder zeugt, nur um sie zu verlassen. Daß Du Dich einen Mann nennst, ist dreist. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HÖR AUF DEIN GEWISSEN
Es gibt ein anderes Wort für Rassismus, es heißt Kulturrettung. Es gibt für Fremdenhass eine schönere Bezeichnung, sie lautet Heimatverteidigung. Jedem seins hört sich doch besser an als Diskriminierung oder Unterdrückung. Unter uns sein wollen sagen wir jetzt, also Gleichart, nicht mehr Ausgrenzung. Doch die schönsten Begriffe sind trotzdem hässlich, wenn sie ohne Liebe gelebt werden. Die besten Bezeichnungen sind die schlimmsten, wenn sie Herrschsucht und Hass verkleiden sollen. Hör bitte auf Dein Gewissen in Deiner Jugend und behalte lang diese flüchtige Erinnerung der Brüderlichkeit wenn Du älter und kluger wirst und erbst die verlockenden Vorteile der Führung. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ABENDWEIN
Deine Worte schmecken mir heute Abend wie der Rotwein, der sie ausgelöst hat, und der - noch schöner - meine Ohren geküsst, aufgeweicht und geöffnet hat. Ohren in Zungen küssen Zungen in Ohren, labend. Wein und Blut und Fleisch, rot findet statt. Wanderlustige Worte tun fließend hineinbohren in das, was der Abendwein geöffnet hat. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BEIM HÄUTEN DER GESCHICHTE
Ich sah viele helle Häute und viele Graduierungen heller Haut Abstand nehmen von schwarzer Haut mit Stolz und Scheu und Abscheu. Und sie taten mir fast Leid, aber nur fast, denn ich kannte ihr Geheimnis alle - Zieht man die Schichten ab, eine nach der anderen, findet man verborgen tief in ihrer Geschichte, weit weit zurück, Schwarze Haut. Die Zukunft kann die Vergangenheit nicht ändern, die Vergangenheit die Zukunft schon. Kommendes kann Geschehenes nicht verdecken, wird aber von ihm enthüllt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
W/M/D
Das Geheimnis weiblich Das Geheimnis männlich Und das Rätsel dazwischen Wo sich diverse Fragen befinden. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
RANDNOTIZ
Immer mehr Menschen sitzen nachdenklich am Straßenrand, denken über den Weg nach, der für sie endete hier am Straßenrand Wie wann wo lief es schief mit dem Geldsystem in unserem Sozialland? Das Geld verdampft wie Wasser nach Oben, hinterlässt, unten, ausgetrocknet, das Land. Und wieder überall Dichter und Denker, die versuchen vergebens mit ihrem Verstand zu verstehen, warum die Armut steigt unter Menschen, die arbeiten mit Herz und Hand. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NEU-KLEIDEN
In letzter Zeit habe ich uralte Bäume gefällt, starke Wurzeln und Fäden herausgerissen, Türen abgeschlossen, Schlüssel weggeschmissen, ganz egal, wem es nicht gefällt. Ich habe scharfe Wendungen genommen, neue Wege wie Buchseiten aufgeschlagen, zurückgekehrt zum Gefühl im Magen. Aber das alles hat keiner wahrgenommen. Die haben nur gesehen, daß ich alte Klamotten gestern entsorgte und heute neue - andere - mir besorgte. Sie ahnten nicht das innere Geschehen. Welten enden und Welten beginnen, schließen sich symbolisch ab in Ringen; manchmal in den kleinsten Dingen, die unscheinbar erscheinen unseren Sinnen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WISSEN OHNE ZU WISSEN
All die Geheimnisse, die wir nie wissen werden… All die Geheimnisse, die wir nie verraten werden… Wissen ist Macht Unwissen ist mächtiger… Er läßt sie glücklich sein Sie läßt ihn glücklich sein Glück geteilt ist Glück verdoppelt. Ich kratze Deinen Rücken Du kratzt meinen Rücken Ich sehe Deinen Rücken Du siehst meinen Rücken Ich decke Deinen Rücken Du deckst meinen Rücken. Rücksicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER GOLDENE TOD DER REGENWÄLDER

Ich sah Ödland, herausgerissene Lungen und Leber, Krater, wo einst gestohlene Herzen schlugen. Vergiftet lag das Land sterbend in der Sonne; Sonne und Land und Sterben ohne Ende, am anderen Ende der Welt, wo traurige, entschlossene, Menschen verenden. Wo ist das Leben des Landes hin? Ferne Länder im Inland und im Ausland haben die Armut anderer zum eigenen Reichtum aufgewertet, weggesperrt. Haben den Reichtum der Erde zum Zeuge unserer glänzenden Armut geschmückt. Ich sah Goldland. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
