IDENTITÄT

Wenn Du nirgendwo Zuhause findest
weder Zuhause noch in der Fremde –
Und alles, was Dich mit Menschen einigt,
Dich von ihnen trennt;
Und alles, was Dich von Menschen trennt,
Dich mit ihnen verbindet;
– begreifst Du warum es so aussieht,
als würde die Sonne im Winter frieren
und im Sommer schwitzen…
Weil Du bist alle Wege sehnend mitgegangen,
doch Dein Geist blieb immer im selben Innenraum
Unberührt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMERZ ALS SCHMERZMITTEL

Ich vermisse Dich
so sehr, daß
die Sehnsucht mir genügt
Sie ernährt mich Tag und Nacht
so daß die Wunde Deiner Abwesenheit
längst geheilt wurde durch meine
immer anwesende Sehnsucht nach Dir.

Stell Dir vor,
ein Tag ginge vorbei, in dem
ich an Dich kein einziges Mal dachte…
Das wäre wahrlich der traurigste Tag meines Lebens
schlimmer noch als Deine Abwesenheit
schlimmer noch als mein Schmerz
schlimmer noch als Dein Tod.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFÄLTIG

Alles, was eine Weltstadt verträgt:
Alles, was sie nicht versteht,
verträgt sie. Alles, was ihren Boden belegt,
erregt sie, bewegt sie.
Selbst mich –
und das überrascht mich –
selbst ich finde in mitten des vielfältigen Fremden
etwas heimatliches und gleichartiges
und das überrascht mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDÄCHTNIS

Vom Charakter her passen sie zu einander
Aber Geschichte und ihre Erinnerungen davon
trennen sie von einander –
machen es ihnen schwer,
auf einander zuzugehen

Könnte nur jemand Ihr Gedächtnis löschen,
wären sie sofort beste Freunde.

Das muss das Leben gedacht haben
und ließ sie sterben und wiederkommen –
Jetzt sind sie Mann und Frau,
aneinander gebunden mit einer Liebe
stärker als Hass und Schmerz und Tod.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEERE WIRD NICHT VOLLER DURCH NÄHE

Je mehr ich von der Welt sehe,
desto weniger sehe ich von ihr.
Flugzeuge transportieren nicht nur unsre Sehnsüchte,
sondern auch unsere Ichsucht und Leere;
Das Internet zeigt uns nicht nur, was uns verbindet,
sondern so oft, was uns entfremdet und trennt;
Und bringt uns enger zusammen,
damit jeder im anderen die Einsamkeit erkennt,
unter der auch er leidet und brennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFER SEHEN

Wo die einen Tiefe sehen
blicken die anderen in die Leere
Wo die einen Strände sehen
freuen sich andere über die Meere
Wo die einen Profit sehen
sehen die anderen die Natur
Wo die einen Primitives sehen
fühlen sich andere Zuhause in ihrer Kultur.

Ich sehe nicht, was die anderen sehen:
Deine Augen, Deine Haare, was Du wiegst;
Ich sehe den langen Weg hinter uns
und den längeren, der noch vor uns liegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEELEN UND SONNENFENSTER

SEELEN UND SONNENFENSTER

Ich stand auf und putzte meine Wohnung
Da verklärte sich das Fenster wie ein Gesicht
durch das die Sonne schien –
Ich habe kein anderes Zuhause.

Ich machte mit und säuberte die Erde
Da verklärte sich ihre Lufthülle
auf daß der Sonne Wärme ein und aus ging –
Wir haben kein anderes Zuhause.

Ich hielt inne und reinigte meine Seele
Da verklärte sich mein Gesicht wie ein Fenster
durch das einer Sonne Strahlen hinaus drangen –
Ich habe kein anderes Zuhause.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINE ZWEITE NATUR

Sie trug den Herbst in ihren Haaren
meine Lieblingsjahreszeit
Egal wo wir waren
Egal wann wir waren
trug sie meine Freude in sich allezeit
als wäre sie meine Liebe nicht nur
sondern auch meine zweite Natur.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HIER NACHTS

Halte mich einen Moment länger
Sei seriöser, sei tiefer, sei strenger
Ich brauche Dich, inniger, enger.
In Sachen Vertrauen bin ich Anfänger
Tagsüber liebt Dich mein Doppelgänger –
Der hier Nachts, das bin ich wirklich,
Zerbrechlich, ängstlich und liebessüchtig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACH-RICHTEN

Merkwürdig, wie abends
das inhaltlose Babbeln meiner Liebsten
mir mehr sagt, als tagsüber
alle Nachrichtensender der Welt es vermochten

Viele Fragen, die der Tag in mir entfachte
Viele Widersprüche, über die ich nachdachte
Viele Schmerzen, die mir die Welt brachte
werden durch ihre kindliche Liebe geantwortet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung