GESELLSCHAFTSSTERBEN

Blumenreiche Flur
Sterbende Blumen
Menschenähnliche Natur
Reich an Volumen
Traurige Lächeln nur
Innerlich leeres Lumen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WAHL

Zwei Pfade mieden sich im Wald
Einer war die Sehnsucht
Einer war der Ehrgeiz

Es gab keinen dritten –
Er was nur so aus, als wäre er ein Weg.

War der Wald Dein Herz oder meins?
Wie können zwei Wege
so ähnlich sein und doch so verschieden?

Und treffen sich nie.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WEITER(ER)ZÄHLEN

WEITER(ER)ZÄHLEN

Die Sonnen sinken
eine nach der anderen
wie Abakusperlen
Deine Tage runterzählend

Irgendwann fällt die letzte

Da liegen sie nun alle
Am Boden Deines Spielbretts.
Ob jemand Deine Sanduhr
wieder umdrehen wird?

Oder war es das?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAMKEIT

Wenn wir uns nah genug kommen
erkennen wir
wie weit entfernt von einander wir sind

Wenn wir uns weit genug von einander entfernen
erkennen wir
wie nah wir einander sind

Wir müssen uns nur von der richtigen Person entfernen
und der richtigen Person annähern
um zu erkennen, was falsch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IMMERSEIN

Wir sind hier
in einer Kopie,
um den Sinn der Sache
zu begreifen.

Ehe. Freundschaft.
Streit. Versöhnung.
Fehler. Lernen. Streben.
Reifen und weiterreifen.

Gibt es irgendwas,
das – ob hier oder dort –
ewig bleibt?
Dann wollen wir danach greifen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEISTER

Geister,
habe ich in Erfahrung gebracht,
sind einsame Menschen,
stecken und gefangen geblieben
jenseits unserer Gemeinsamkeit.

Wie einsam muß es sein
mitten unter Menschen zu leben,
und sie sehen Dich nicht
und sie hören Dich nicht
und sie fühlen Dich nicht…

Ist es nicht besser,
weiter zu gehen?
Ist es nicht manchmal besser,
Dich einfach zu lösen
und Deinen Weg weiter zu gehen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBE BEVOR DU STIRBST

Sterbe nicht,
ohne gelebt zu haben
Gehe nicht,
ohne gekommen zu sein
Leide nicht,
ohne geliebt zu haben
Ruhe nicht,
ohne gereist zu sein.

Denn irgendwann wirst Du anders sein.
Die Welt fällt weg und Du bist wieder allein.
Die Welt fällt weg und Du bist wirklich allein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WAR SCHON EINMAL MORGEN

Manchmal besuchst Du die Zukunft
und kehrst wieder zurück
Wie ein Wanderer, der eine ferne Bergspitze
erklimmt und zum Tal wieder zurück fällt…

Ist es nun Erinnerung,
wenn Du jetzt wieder in die Ferne blickst
Oder ist es Ahnung des Kommenden
Oder ist es Sehnsucht nach dem Unbekannten?

Denn das Bekannte ist auf einmal
wieder so weit weg,
an manchen Tagen ein bisschen heller,
an manchen Tagen ein bisschen dunkler.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLEIN

Du wohnst seit jeher
in der unmittelbaren Nähe
der vollen Leere

Dennoch hörst Du sie nicht.
Du sehnst Dich
stattdessen nach dem Nichts

Denn alles ist nichts
wenn Du schon alleine bist
wie ein königlicher Baum in der Wildnis.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHULD

Am meisten fällt es mir schwer,
mich zu ent-schuldigen,
denn es fällt mir schwer,
mich von meiner Schuld zu trennen.
Sie ist das einzige, was mich
an mein altes Selbst noch bindet,
das mein besseres Selbst war,
mein freieres Selbst war,
mein ehrlicheres Selbst war –
mit und ohne Schuld.

Und dennoch:
Alles Tote muß beerdigt werden.
Meistens mit Schmerzen im Herzen.
Meistens mit Tränen – denn
Dich von Deiner Schuld trennen, ist
Dich von Jemandem zu trennen,
der einst Dein bester Freund war und jetzt
nur noch ein Fremder ist.
Wenn ich mich bei Dir entschuldige,
trenne ich mich von meinem alten Ich.

Und das tut weh.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung