LAUT SCHWEIGEN

Irgendwann schweigt
sein lauter Augenblick,
der im Augenblick
noch lauter schweigt
als je zuvor.

Irgendwann
ist sein Schweigen kein Reden mehr,
nur noch ein Schweigen.
Und Du wirst es lauter hören
als sein lautestes Schweigen davor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUF-BRUCH

Am Rande des Abends
sind wir am Rande des Morgens
Aufbruchstimmung
wie ein fremdes Gefühl im Bauch
Wir kennen das nicht mehr
Aufbruch
Stimmung
Wir befürchten, daß das Neue
nur ein anderer Name des Alten ist
unter den schönen Klamotten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEISER HASS

Der Hass ist aufgeblüht
und riecht an unerwarteten Orten
– im unsichtbaren Herzen
manch einst geliebten
einst geschätzten Menschen
wird er unsicher gehortet
unruhig beobachtend, wartend
auf den rechtfertigenden Moment.

Der Hass ist aufgegangen
Das Herz steht schwarz und stillschweigend,
wahrnehmbar,
doch nicht mehr erreichbar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄLTER UND JÜNGER

Am Anfang fühlte sich Deine Hand
alt, uralt, bekannt, wie eine Erinnerung
von einer Zeit älter als meine Erinnerung
– deshalb hielt ich sie fest, Deine Hand.

Am Ende fühlt sich Deine Hand
neu, frisch, wie eine Verheißung
einer Zeit längst nach unserer
– deshalb halte ich sie fest, Deine Hand.

Als ein altes Ehepaar fingen wir
in unserer Jugend an.
Das Leben veränderte uns.
Als ein junges Ehepaar werden wir alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SELBSTGERECHTEN

Ein Mörder drückt ab
Aber wir sind natürlich Schuld
Denn wir hielten ihn ja nicht ab
von seiner empörten Ungeduld.

Geladen laufen sie rum
Ängstlich beladen mit Beleidigung
Leicht zum Verladen zum Schaden –
Jede Entgegnung ist eine Einladung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEFÜHLSREGUNG

Wer hat den Himmel erregt
Wer auch immer das ist, er regnet für Dich
und weint
denn er findet Dich nicht…
Wieder nicht.

Angeregt vom Regen
löst sich der Dichter von seinem Träger
steigt im Mantel der Einsamkeit
aus seinem Herzen empor in seinen Kopf
und flüstert…

Regnen
Regen
Schreib mir ein Gedicht.
Der Kopf wartet, bis die Aufregung nachlässt –
Erst dann wird die Hand rege.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGENZUG

Er zog die Maske runter
zog einen tiefen Atemzug in sich hinein
setzte sich in den Zug
lehnte den Kopf gegen das Sitzpolster
schloss die Augen

Und reiste in die Vergangenheit
während der Zug in die Zukunft fuhr
sich den Weg durch die Gegenwart bahnend
Die Reise zog sich in die Länge
und fand erst gegen Ende der Fahrt ein Ende

Er atmete aus
setzte seine Maske wieder auf
öffnete die Augen und verließ den Zug
Doch ob es die Augen der Maske war,
oder seine eigenen, die er öffnete?

Das weiß ich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HÖFLICHKEIT

Mir tut der Bauch weh
ob all der abgelaufenen Worte
die schon längst hätten raus sollen
– jetzt verwesen sie langsam
unausgesprochen
höflich
in meinem Magen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU ODER ICH

Ich folge Dir
wie ein Pfad, der
bereits da ist, da liegt
Egal wie Du Dich wendest und biegst
entkommst Du mir nicht
Egal wie ich mich wende und biege
komme ich immer bei Dir an…
Doch ob DU der Pfad bist
oder ICH, das weiß ich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLSCHAFTSSCHWEIGEN

Gibt es irgendwas
was wir alle wissen
doch keiner spricht davon?

Es könnte sein
daß es dieses eine Ding gibt
wovon keiner spricht.

Wir ahnen es
wissen es aber nicht genau
denn keiner spricht davon.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung