AN DIE SONNE

Die Sonne ist nicht gelb
Die Sonne ist nicht gold
Die Sonne ist nicht rot
Und nicht orange

Das Feuer da oben
Lebte mal in mir
Es war Schmerz, es war Sehnsucht
Es war Freude und tief schwarz

Eines Nachts ging es in Flammen auf
Explodierte, brannte mich nieder
Nun stürmt es täglich auf und nieder
Wie Blut im Kreislauf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄHER ALS GEDACHT

Die Ferne tut weh
Doch die Nähe noch mehr
Fernweh ist übertrieben
„Nahweh“ ist schwerer zu ertragen

Was habe ich in der Ferne verloren?
Alles, was uns quält, und heilt,
Alles, was uns einengt, alles, was uns befreit
Es ist alles hier. Hier und jetzt.

Das Fremde weilt nicht in Übersee
Das Eis ist immer der kältere Schnee
Am meisten tut die Nähe weh.
Und die unerfüllte Sehnsucht danach.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGBEGLEITER

Das Zimmer ist immer kalt
Und ohne Erinnerung
Der Gast ist immer gleich
Und ohne Erinnerung
Die Neustadt ist immer alt
Und ohne Erinnerung
Der Flugbegleiter ist immer reich
An Wiederholung und Erinnerung.
Den selben Gruß dem selben Gast
Wiederholt, freudig, kurz gefasst
Ist alles, was Du täglich hast.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENFLÜSSE

Azurwiesen
Smaragdhimmel
Immermeere
Gedankenflüsse
Wiedergeburtstage
Erinnerungsbrisen

„Ist alles gut bei Dir?“
„Ja, ich warte auf
den Schluß – und
Abschluß – und
Verschluß – und
Entschluß… des Gedichtes.“

Aber vielleicht war das schon –
Wie das Ende einer Beziehung
Das Absterben einer Freundschaft
Das nächste Kapitel in Deinem Leben –
Schon längst da
Nur weißt Du es noch nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STOLZER SCHMERZ

Holz ist stolz
Sonst würde Holz nicht brechen
Vor lauter Starrsinn
Edelholz
Adelstolz
Es gibt Menschen, die weinen nicht
Es gibt Schmerzen, die reden nicht
Und doch leiden sie.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDÄCHTNISSCHWUND

Er beobachtete sie
wie sie wie ein müder Ballon
langsam sank
und aus seinem Gedächtnis verschwand

Er war glücklich
daß er sie vergaß
Er war traurig
daß er sie vergessen konnte

Und er war traurig
daß er glücklich war
und glücklich
daß er traurig war

Ob er nun überwiegend
glücklich war oder traurig
das konnte er nicht sagen
und er wusste nicht warum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOSE UND DICHT

Wie oft hockte ich schon und horchte
Nicht wissend auf wessen Stimme ich wartete
Meines Inneren oder der Mitternacht?
Als sie kam, verstummte ich, denn es war die Stimme
Der Dichtung, die besucht wen wann wie sie will
Jedes Mal auf einem anderen Maultier reitend
Die Empfindung von Entferntsein begleitend
Nähe zum Nächsten verbreitend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WERDE SEHNSUCHT

Der tieftönige Abend
Atavistisch
Trägt intus keine Erinnerung an den Tag
Er IST der Abend vor dem Tag
Es werde noch kein Licht

Es werde erst Sehnsucht
Jene dumpfe Sehnsucht ohne Gedächtnis
Vorahnen von Morgen
Das raunt die Zaubermacht des Morgens
Verspricht jeden Abend eine neue Welt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS FALSCHE VERSTEHEN

Hörst Du auch die Stimmen der Stummen?
Die Schreie der Stillen?
Das Flüstern der Vergessenen?
Hörst Du, was keiner wagt, auszusprechen?

Siehst Du auch die Züge der Verstummten?
Die Mienenspiele der Gesichtslosen?
Die Masken der Unsichtbaren?
Siehst Du, was keiner der Welt zeigen will?

Wer wird zugeben, daß er uns versteht?
Unsere angebliche Freunde verhören uns absichtlich
Machen aus unserer Botschaft eine harte Bandage
Die die schreiende Wunde unsichtbar macht!

Ich werde meine eigene Geschichte erzählen
In meiner eigenen Dichtung
Du musst genau hinhören, wenn die Flüsse mäandrieren
Du musst genauer hinhören.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE DORNEN DER ROSE

Wenn ich mich von Dir trenne
Würdest Du darin die Liebe erkennen?
Wenn der Schmerz unerträglich brennt
Würdest Du darin die Liebe erkennen?

Wenn der Weg steinig wird und hart
Würdest Du darin den Weg erkennen?
Wenn der Weg Dich verändert hat
Würdest Du Dich darin erkennen?

Was ist Liebe, wenn Du einsam bist?
Was ist Liebe, wenn Du ein Sucher bist?
Wieso schickt sie uns keine Gesellschaft?
Dreht sich weg und wünscht uns viel Kraft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung