LEIDEND

Das Leben trachtet
nach meinem Leben,
will mir meinen Freitod
immer noch nicht vergeben,
zwingt mich pausenlos leidend
nach meinen Träumen zu streben
um meine Sehnsucht
zu beweisen nach dem Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HIER KOMMT DIE NACHT

Mit einem Schlag
fiel ein Schatten über die Welt

wie Donner ohne Blitz
Regen ohne Brise
Nacht ohne Mond
Wüste ohne Oase
Garten ohne Blumen

Menschen ohne Herz
Lachen ohne Lächeln
und ohne Liebe
und ohne Leben
und ohne Licht

Manche sagen
wir leben bereits im dritten Weltkrieg
und wissen es nicht –
Alle wissen, wer der Feind ist
doch keiner weiß, wer der Feind ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERLORENE GEDANKEN

Ich finde meine Gedanken nicht
gefangen in Ästen von Lärm und Stimmen
sie finden ihren Weg nicht mehr zurück zu mir
ich strecke meine Arme aus
winke ihnen zum Abschied zu
und laufe weiter, neuen Gedanken zu.

Solltest Du morgen auf Deinem Wanderweg
auf meine alten Gedanken stoßen
reife Früchte im Alltagsgestrüpp des Lebens
nimm und iß und laß Dich befruchten
ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte
aber es kam alles von Herzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NEBEN EINANDER

Sie sind wie zwei Geister
die im selben gebrochenen Haus spuken
doch einander nicht wahrnehmen
durch einander hin gucken
sehen jeder seine eigene Welt.
Es ist ein leben nebeneinander
miteinander durcheinander
ohne einander. Ruhe und Frieden.
Und Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
#gedichtezumnachempfinden
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN ABEND EIN NEUER MORGEN

Der Tag neigt sich zum Ende
Ich bin geneigt, zu denken
er sei einer wie alle anderen vor ihm
seit wir uns alle gegenseitig von einander
distanzieren. Doch irgendetwas
war anders heute, irgendwas Kleines,
ich weiß nicht genau was. Aber ich
habe mich ein bißchen verändert.
Die Erde drehte mich um, und
machte neue Dinge mit mir.
Nur, komisch: So geht es mir
jeden Tag am Ende des Tages
in dieser endlosen Reihe
gleichförmiger Tage.
Ich ziehe abendlich eine neue Seele aus.
Also sind sie doch gleich? Denn
täglich geschieht genau das gleiche:
Ich entdecke mich ein bißchen mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EBENBILD

Meine Hautfarbe ist wie ein Magnet
der heimliche Blicke zieht…
Sind die Blicke deshalb so dunkel
weil meine Farbe dunkel ist?

Meine Haare sind Magnetstreifen
die meine Daten gespeichert halten –
Erscheine ich Euch so unleserlich
weil meine Haare so anders sind?

Mein Eigentum ist ein schwarzes Loch
das Neid und Gier anzieht;
Greift Ihr so gerne und listig nach ihm,
weil der Schwerkraft leicht zu erliegen ist?

Wer behauptet, es hat sich alles geändert
weil das jetzt eine neue Generation sei,
der ist entweder blind oder er lügt. –
Das Bild passt sich der Ebene zeitlich an.

Die neue Generation ist der alten
ihr Ausdruck und ihre klare Aussage
und, wenn sie sich ertappt fühlen,
ihre empörte Ausrede.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UNSICHTBARE WAHRHEITEN

Wenn wir Gedanken lesen könnten
wären Freunde Feinde und Feinde Freunde
viele Paare längst getrennt
viele Fremde längst zu Paaren geworden –
von Vor- und Untergesetzten brauchen wir nicht dichten.
Gedanken: so laut und doch so unleserlich.

Wie viele Menschen schauten schonmal
dem Partner in die Augen und dachten verzweifelt:
“Wieso kannst Du meine Gedanken nicht lesen?”
Wie viele Menschen schauten schonmal
dem Partner in die Augen und dachten erleichtert:
“Zum Glück kannst Du meine Gedanken nicht lesen.”

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VER-RÜCKT

Coronaverleugner? Psychiatrie.
Quarantäneverweigerer? Psychiatrie.

Staats- und Regierungskritiker…
Psychiatrie?

Andersdenkender?
Meinungsäußerer?
Mensch.

Sind wir alle verrückt geworden?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UMGEKEHRT

Eines Tages
sagst Dir selbst
egal sei was
einmal es war
Heute fängt
mein Leben an

Das Klavier alt
Die Reigen neu
Ich möchte diesmal
von meiner Gitarre
gespielt von meinem
Sax geblasen werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WALDWEGE IN DIR

Und ich nahm den weniger genommenen Pfad
doch kam ich nicht so weit wie auf der Geraden
denn Du schrecktest auf – und das war … schade.
Erschrocken machtest Du Dich wieder zu –
Jetzt sitzt Du wieder auf dem Grad.

Doch, warst Du erschrocken oder nur überrascht?
Wie viele Fremde haben an Deinen Waldblüten je genascht?
Deine Geheimnisse schonmal plötzlich erhascht?
Machst Du Dich dann immer erschrocken zu?
Oder war ich Dein erster derart intimer Gast?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung