MEINE SONNEN

Gute Nacht Papa
rief mit heller Stimme
eine meiner zwei Sonnen
Bauch voller Lachen
Lachen voller Hoffnung
Hoffnung voller Morgen

Morgen voller Sonnen
Ich freue mich schon auf die zweite
sie guckt noch fern
und ist mir so nah
Freude voller Übermorgen
meine Sonnen, sie gehen nie unter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER UNSICHTBARE FLUSS

Wenn ein Regenbogen farbenleer ist
wie ein hohler Becher ohne nichts
eine Sonne ohne Licht, sie erhitzt
heimlich und reimt sich stolz auf nichts

Du erlebst einen völlig leeren Tag
ohne Licht, Farbe, nichts. Doch zum Schluß
bist Du abends voll. Mit Wasser labst
Du Dich nicht, doch erfüllt Dich ein Fluß.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EINGESPERRT

Unterdessen werden älter die Kinder
und Eltern zu Kindern
und die Eltern sind den Kindern die Lehrer
und die Kinder sind den Eltern auch Lehrer
und alle werden täglich
um Jahre und Jahrzehnte
über Nacht älter. Tag für Tag.

Und es wurde morgen
und es wurde Abend –
noch ein weiterer Tag.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN TAG EIN NEUER FREMDER

In einem Tag sind viele Tage
vielleicht sogar tausend Jahre
Täglich wächst Du auf in der Ruine
Deiner gestrigen Gedankenschlösser
Die sind tausend Jahre alt und mehr
doch merkst Du das nicht, denn auch Du
bist im Schlaf um tausend Jahre gealtert
Das alte kommt Dir bekannter vor als
das Neue, in dem Du heute lebst
doch welch ein Unterschied!
Wer den Menschen im Spiegel sucht
findet morgendlich einen neuen.

Echt merkwürdig, wie sich
die Menschen täglich treffen und
täglich es nicht merken, daß sie
täglich Fremde treffen im Vertrauten Gewand
Ein Gesicht wiederholt sich mehrmals
wie eine Maske, die herumgereicht wird…
Eheleute, Freunde, Eltern und Kinder
sogar Feinde sterben häufiger jeden Tag
als das Bewusstsein es sich merken mag
oder muß, gehen täglich fremd,
machen täglich fremde Menschen
wiederholt zu Freunden und zu Feinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FELS AUS PELZ

Der Pelz weinrot
weichmachend weich
Meine Hand reist langsam
Oberfläche gegen Oberfläche
über Hügel und Tal und Hügel, klettert
und rutscht über zwei spitze Gipfel
hartmachend hart.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERZSCHLAG

Ich stand in dieser großen Halle
teils Tempel, teils Saal und teils Höhle
wie eine riesengroße Glocke
doch es war meine leere Seele.

Und mein Herz und meine Hände
schlugen hart gegen die Innenwände –
Schaukle zart, liebliche Glocke
über Geist und Wesen, über Täler und Berge.

Auf daß die Seele sich füllen möge.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ANREGUNG

Wenn kurz der Regen ist
durstet in Dir die Blume
nach der äußeren Blume
denn die äußere Blume
ist der inneren Regen

Dann starrst Du aus dem Fenster
auf Deinen Garten und ahnst nicht,
wie hinter einem unsichtbaren Fenster
ein Fremder steht und schaut
auf den Garten Deiner Seele

Menschenblume,
nicht den Regen brauchst Du
sondern eine geistige Anregung
zum Wachsen, zum Aufblühen –
doch wahr nimmst Du sie nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

INTEGRATION

Kein Mensch wollte mich
deshalb gab ich ihnen Dich
und sie liebten sich
denn Du mein äußeres Ich
spiegelst sie gut bildlich
oberflächlich
und versteckst problemlos mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER APRILBERG

Der Schnee ist den Gipfeln gewichen
Er ist geschmolzen
und mit einem leisen Seufzer
nach Hause gegangen.

Hier und da wie auf einer Leinwand
behält der überraschte Berg
eine zarte Erinnerung an seinen Gast
langsam verblassend

Und der blaue Himmel hoch da oben
der schiebt die Wolken auseinander
blickt mit Verlangen auf den Berg
und vermisst den Schnee.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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DER GESCHMACK DES ENDES

Wie oft schon liefertest Du
den zweiten Schlag
und bereutest es bereits
am nächsten Tag?

Wie oft schon ertrugst Du
den letzten kuss
und littest, denn es schmeckte so
sachlich wie ein Muß?

Irgendwas hat sich geändert
Die Welt wird nimmermehr dasselbe sein
Das alte ist vergangen

Kein’ zweiten Schlag, kein’ letzten Kuss
Zieh einfach weiter mit neuem Geist
und reinem Verlangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung