UNERHÖRT UND DOCH GEHÖRT

Wir leben ein lautloses Leben
Ein paar Jahrzehntelang wenn überhaupt
In dem meistens das Leere
Uns die größte Lehre
Erteilt in der Leere.

Laut und lauter und immer lauter
Wird die Welt. Immer verzweifelter die Leere
Die die Innere Stimme dennoch hört
Da wo sie hingehört
In Deinem Herzen unerhört.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LICHT GEGEN DUNKEL

Es wurde plötzlich dunkler mitten am Tag
Und die Antisonne, dieser dunkle Mond
Stieg nicht von Oben herab, sondern lag
Innen drin, kam von Herzen, wo er thront
Und mitten unter uns wartend mit wohnt.

Jahrzehntelang. Wartend.
Grübelnd. Brütend.
Sinnierend. Beobachtend.
Wütend.
Sehr wütend.

Die Herrschsucht. Die Sehnsucht.
Eine tödliche Mischung aus falsch und richtig.
Die Fahrerflucht in die Sucht nach Zucht
Jede andere Ordnung ist null und nichtig
– dennoch reimt es sich nicht.

Wächst das Dunkel, wächst das Licht
Lernt das Dunkel, lernt das Licht
Kommt das Dunkel, kommt das Licht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TAG FÜR TAG

Der Tag wie eine Schlange war lang
Wie ein werdender Mensch wechselte er
Mehrmals Charakter, Handschrift, Gang
Fühlte sich am Ende wie ein anderer
Verschwundene Schwan nach seinem Gesang

Ich dachte an Menschen,
Deren Tag in der Freiheit begann
Und im Gefängnis endete – und umgekehrt
Und ich fragte mich: Wann
Sehe ich wieder meinen Bruder heimgekehrt?

Und an jeden Menschen,
Der gestern wie an jedem Tag davor
Und an jedem, der danach noch anbricht
Etwas vermisste, was er einst verlor
Und aller Wandel der Zeit heilt es nicht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ES WAR EINMAL EIN KIND

Ich war das Kind, das starb
Weil ein Erwachsener Klugheit erwarb
Die seiner Reinheit Sinn verdarb…

Ich war das Kind, das ertrank
Im Erwachsenen Durst langsam versank
Still liegend unten im Tank

Ich bin die Erinnerung eines Kindes
Ahne ich, doch ich find es
Nirgendwo mehr in mir und indes

Sind mir die Jahre vorbeigeflogen
Der Bogen war grad, der Pfeil ist verbogen
Suchend das tote Kind einst betrogen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

NEOFASCHISMUS

Die Augen lügen nicht
Haß ist keine Lüge
Haß ist die Wahrheit
Einer Lüge

Die Augen lügen nicht
Auch wenn sie betrügen
Scheinliebe verbirgt
Nicht ganz die Lügen

Die Augen können Liebe lügen
Den Haß nicht. Haß ist
Unvortäuschbar
So blind, wie Haß ist
Haß ist der Urrassist
Hasst alles, was nicht Haß ist
Haß ist der Urnarzisst
Und da der Haß seine Art ist
Zu lieben, liebt er nichts
Was nicht Haß ist
Und liebt sich, denn er hasst sich
Und mich liebt er auch nicht
Er hasst mich. Denn Haß ist
Der Urfaschist. Und ich bin geistig frei.

Ihre Augen lügen nicht
Und in letzter Zeit
Wollen sie auch nicht lügen
Denn es ist so weit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VOLLMOND

Ich fand heute Nacht
Den Mond, rund
Wie ein Kussmund
Reif und aufgewacht

Und ich suchte
Deinen zarten Mund
Sanft-zitronen jung
Im schlammigen Grund
Meiner dunklen Erinnerung

Dann versuchte ich
Ins volle Herz des Mondes
Schmerzes einzubrechen
Denn eine Frau bis auf ihres Grundes
Herz ganz zu lieben, spüre ich,
Ist kein Verbrechen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ALLE MANN

Wir sind das Volk!
Na, und? Und wer
Ist die Regierung?

Durchs Volk
Des Volkes
Fürs Volk

Nicht „Wir sind das Volk“
Sondern „Wir sind die Regierung“
Wir sind mehr als Volk
Wir sind Heil und Zerstörung.
Und haben die Wahl.
Und müssen lediglich zur Wahl.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ALLES WAS GLÄNZT

Sie gaben uns eine geschriebene Verfassung
Haben selber aber keine

Sie verhinderten den Austritt Biafras
Wollen aber selbst ihren eigenen Brexit aus der EU

Sie labbern uns ständig Demokratie an
Schließen aber selbst ihr eigenes Parlament

Sie brachten uns ihre Religion
Treten selber scharenweise aus ihr heraus

Wer sind hier die Dummen?
Sie oder wir?
Wer die dunklen krummen?

Wir glauben alles
Schlucken alles
Folgen alles
Ahmen allem nach –
Wir armen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEM DU DICH AUFTUST

Stell Dir vor
Du wärest ein Gefäß
Alles, was Du tust
Wäre nur dem gemäß
Wem Du Dich auftust

Stell Dir vor
Deine Stimme wäre ein Echo
Ein letzter Nachklang
Wie Musik aus dem Radio
Du bist ein Schwanengesang

Warum ist
Jeder Mensch schön,
Wenn er lächelt?
Wie ein Wunder Wunder schön
Wenn ungeheuchelt?

Laß Dich
Vom Höheren nehmen
Umgestalten und füllen
Laß Dein jedes Unternehmen
Was Höheres erfüllen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MEIN GOTT

Nicht wer
Sondern was
Ist Gott?
Was ist das?
Denn es ist.

Nicht wie
Fing alles an
Sondern Was
Hat es getan?
Und tut es noch
Denn es ist.

Leben, wenn es Leben ist,
Kann keinen Anfang haben
Weder im Raum, noch in einem Geschehen
Noch in der Zeit
Außerhalb der Ewigkeit
Denn nur Leben
Kann Leben
Geben
Deshalb muss Leben
Immer gewesen
Ohne Wesen –
Was ist das?

Was ist Bewusstsein?
Was ist Gesetzmäßigkeit?
Und was, mit seinem Sein
Ist und gibt sie seit aller Ewigkeit
Bis in aller Ewigkeit?
Was ist das? Denn
Es ist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung