DURST UND EINSAMKEIT

Ich hatte Durst
Und stand an einem Fluß
Und trank nicht
Und mein neuer Durst wurde gelöscht
Durch meinen alten Durst

Denn mein alter Durst
Trieb mich weiter und immer
Weiter…

Ich war einsam
Und stand vor einer Umarmung
Und ging nicht hinein
Und meine Scheinsamkeit wurde getröstet
Durch meine Einsamkeit
Die so alt ist wie meine Reise

Und sie genügen mir und füllen mich
Der Durst und die Einsamkeit
Und füttern mich täglich mit
Der Götterspeise:
Dem Fluch der Erinnerung und
Dem Segen des Vergessens.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EMPFANG

Er.will.mich.ausweiden!
Dachte sie mit ausgeweiteten
Augen, Herz, Mund und Beinen…
Kurz, die Uhr blieb stehen –

Sie.will.mich.ertrinken!
Lachte er im schnellen Versinken
Der Sonne, im roten Ausklingen
Des Tages Geschehen…

Rege, der Himmel fiel runter
Die Erde empfing erregt
Den selbst-im-August Regen, und
Der Abend zitterte vor Aufregung.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUSGEDACHT

Ich dachte, seit ich denken kann
Über die Gedanken, und darüber
Daß ich tatsächlich denken kann
Egal worüber

Und da Gedanken das einzige sind
Was wir immer von uns geben
Denken wir im Endeffekt es uns
Selbst aus: ewigen Tod oder Weiterleben

Unsere intimste Umgebung
Schneckenhaus, Haare, Schildplatt
Laub, Blumen, Früchte, der Mensch ist
Heute das bereits beschriebenes Blatt
Von morgen.

Ich weiß, was Du denkst
Du weißt, was ich denke
Nur wissen wir es beide nicht
Weil wir genau dasselbe denken:
Es ist verborgen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EIN SONNTAG SPÄT IM AUGUST

August hat Lust auf mehr
Ich auch
Dennoch bin ich
Mehrfach befriedigt und leer
Was ich brauche ist
In was Neues ein zu tauchen.
Bist Du es?

Du Entkommen des Verstands
Du Verkommen der Schande
Du Umkommen unter Umständen
Du Ankommen an Freuland
Am Sonntagmorgen.

Andachtsglocken
Frohlocken in der Nähe
Locken den nächsten mich
Aus der Ferne.

Der August hat Lust auf mehr
Mehr Regen, mehr Sonne
Mehr Liebe, mehr Höhenflüge,
Mehr Poesie, und mehr Wärme.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HEUTE IST DIE WIEDERHOLUNG VON HEUTE

Du darfst an morgen nicht denken
Morgen ist ein Fluß, heute ist die Brücke
Über morgen.
Was kümmert Deinen Fuß die Lücke
Deiner Sorgen?
Er schreitet ‘rüber ohne zu versenken
Wenn er fest auf Heute steht und geht
Heute allein wird nie weggeweht.

Nicht nur Brücke ist heute
Heute ist Anfang, heute ist Ende
Gestern erlebtest Du heute
Gestern, morgen ist nicht das Ende
Von heute, sondern erneut heute
Heute ist der Anfang ohne Ende.
„Mit mir wirst Du im Paradies sein heute“
Das Paradies ist das ewige Reich von Heute.

Das Paradies heute
Nicht gestern, nicht morgen. Heute.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HINTER DEN KULTUREN

Zugvögeln haben es weit
Doch nimmer so weit wie ich es hatte
Wo ich zu Euch her zog

Groß ist die Welt – und weit
Und Kulturen sind Wände
Hoch und hart, ohne Tür und Fenster

Doch genau so wie der Himmel
Kracht und lacht sein krummzackiges Lächeln
Aufgehellt für einen Augenblick

Gibt es in der Wand manchmal
Einen Riss, und ich schaute hinein
Und sah, überrascht, Menschen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WARTEN

Wie lange Gast?
Exil wird langsam zum Knast
Außen, frierend, Rast
Innen, fiebernd, Hast
Haß im goldenen Palast
Im Kreise wandern macht nur Sinn
Wenn die Reise mündet in den Beginn.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MITTEL ZUM MEHR

Manchmal blicke ich über
den Teich nach Hause
Mit Sehnsucht in mir
Nach Hause

Nein mit mehr als nur
Sehnsucht
Aber ich glaube, eben
Das ist Sehnsucht

Zwei Herzen beseelen
Ach meine Brust
Aus Lust wird Frust
Aus Frust wird Lust

Je mehr ich hier ankomme
Desto mehr
Fehlt mir ein Land südlich
Vom Mittelmeer.

Saftiges grün
Rote Erde
Akzeptanz
Pflicht es werde.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SCHICHTDIENST

Armut in der Mittelschicht
Das Schmiermittel wird dünn
Wechselt die Farbe von rot zu grün
Das oben und unten reibungslos schlichtet

Unbezahlte Rechnung der Mittelschicht
Von unten wird nach oben gegengedrückt
Arm werden macht in der Tat verrückt
Und dann wird alles Reiche vernichtet.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE DICHTUNG IST MEINE STIMME

Heute bin ich hart
Wie Stein –
Es geht nichts raus
Es kommt nichts rein
Heute bin ich hart
Wie Stein –

Ich brauche jemanden
Der mich trifft
Und mich bricht
Ich brauche jemanden
Der mich zerbricht –

Denn der harte Mensch
Der vor Schmerz schreien wird
Das bin ich nicht
Ich bin gefangen hier drinnen
Und habe meine Stimme verloren.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung