VERKEHR

Die Biene, die von Blume zu Blume
Fliegt, nimmt jede Blume mit sich
Bald ist der Wald mit sich Selbst verbunden
Ihr Summen singt ein Freudenlied

Jedes einst besuchte Land
Haftet sich dem Flugzeug ewig an
Der Mensch ist ein Strahl
Formgeworden im All

Überall wo ich einmal war
Laß ich ein Teil von mir zurück
Ersetzte es in mir mit einem Stück
Fremden Wesens, fremden Leidens, fremden Glücks

Wo liegt noch die Grenze zwischen Ich und Wir?
Ferner und näher?
Wie definiert man das Wort „Ihr“?
Es führt irgendwann alles zurück zu mir.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

BESTÄUBT

Dann kam blütengleich
Ihr Lächeln – stark? weich?
Schwer zu unterscheiden
Schmückte mein Leben aus
Jetzt bin ich ein Blumenstrauß
Blätter aus Lächeln und Leiden…

Und wenn ich Dich breche
Schmeckt bitter Deine Rache
Blume mit Stil
Schnitt, Blut, pflanz‘…
Stock, Schwanz, tanz‘…
Obendrauf Dein Blumenkranz
Ich will, oh ja, ich will.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

UNSERE WERTE

Wie sollen wir erfolgreich
Unsere Werte leben
Wenn Mut zur Wahrheit uns fehlt
Im täglichen Erleben?

Wenn Macht die Macht hat
Ihren eigenen Missbrauch zu decken
Wenn Opfer instrumentalisiert werden
Um Tätersünden zu verstecken?

Wo geschützte Räume fehlen
Aber Interpretationsräume gepflegt werden
Wo Bewertungen unbewertbar sind
Und die Bewerter sind in Wahrheit Schergen

Was sind unsere Werte überhaupt?
Wie kommen wir noch an sie heran
Wenn der Grundwert – die Wahrhaftigkeit –
Nicht unbestraft sich äußern kann?

Aber ich werde trotzdem davon nicht lassen
Meinen Beitrag zu leisten, trotz Trug und Haß,
Zur Weiterentwicklung der Menschenrasse.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GUTE NACHT

Müde, doch die Nacht
War schön gedacht
Die Musik gemacht
Für Nachtfalter
Jetzt leg ich den Schalter
Um, komme runter
Die Nacht wird bunter
Mit Schlaf gerundet.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DENN DU BIST NICHT ALLEIN AUF DEINER REISE

Weltenwanderer, Mensch
Getrieben durch sich selbst
Aus sich selbst heraus
Bis unter die Haut –

Ruhelos, ewiger Sucher
Seiner eigenen Seele treuester Besucher
Der Mensch bereist die Welt
Auf der Suche nach sich selbst

Das, was er am meisten braucht
Einen Begleiter, der mit ihm nach Vorne schaut
Der mit ihm die Reise teilt
Seine Sorgen kennt, seine Wunden heilt

Bis er irgendwann sein Ziel erreicht
Und Abschied nehmend wehmütig begreift
Die Reise selbst war ein Weilen
am magischen Ort,
Der nun scheidende Begleiter
ein Freund treuester Sorte.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.

HINDERNISSE

Bleibt ohne Dornen eine Rose
Eine Rose? Ohne Sorgen eine Krone
Eine Krone? Ohne Trennung eine Liebe
Eine Liebe? Ohne Sterben ein Leben vollendet?
Das sichtspendende Licht, es blendet
Auch. Deine Erziehung läßt Dich
Irgendwann im Stich
Damit Du zu irgendwas endlich taugst.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WINKEN

Der Weg zurück ist schwierig
Einfach ein paar Worte in den Raum geworfen
Reicht nicht aus – Neustart ist langwierig
Vertrauen ist gestorben.

Für vieles bin ich offen
Aber wenn Du so tief bist, wie ich
Kannst Du es Dir nicht leisten, so offen
Zu sein, denn der Schmerz dringt immer tiefer in Dich
Hinein und kommt nie zur Ruhe
Mein Herz ist eine bodenlose Truhe –

Doch… meine Verletzungen ich siebe:
Ich wünsche Dir alles Gute
Sei es Dir nach Wachsen zumute
Ich wünsche Dir die Freude als Blüte
Weil ich Dich liebe.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUS

Menschen ziehen ein und aus
Mein Herz ist mein Haus
Wir sagen auf Wiedersehen
Und meinen auf Nimmerwiedersehen.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

UNZUFRIEDEN

Der Schmerz des Unerfüllbaren
Distanz ist manchmal besser als Nähe
Du weißt, daß ich Dich trotzdem sehe

Das, was wir, zusammen, nicht waren…
Das, was wir, getrennt, nicht sind…
Siehst Du’s jetzt auch? Wir waren so blind.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WICHTIGER SEIN

Ich schätze Dich, weil
Du ein Mensch bist, Teil
der Gattung unserer – doch ein Keil
schiebt sich zwischen uns und unser Heil
und das ist das Wichtiger-sein-wollen als die Anderen.

Mein herz klopft, und zwar
für zwei – mich und die Welt; es war
einmal die Kindlichkeit – doch ein paar
Eitelkeiten und schon ist das Wasser unklar –
Bald herrscht das Wichtiger-sein-wollen als die Anderen.

Versucht doch mal die Ichsucht
zu umarmen. Unmöglich; sie ist verflucht.
Kurze Arme nur für sich, beschwörend Zucht
und Ordnung mit einer Wucht, die riecht verrucht
und abstoßend: das Wichtiger-sein-wollen als die Anderen.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.