FERNERHIN

Flashback: Auszug aus meinem Interview zum lyrischen Mittwoch 15.
10. Juli, 2013), vor 3 Jahren.

Ich sehe in der Ferne
Eine Linie grüner Bäume
Am anderen Ufer

Einen unklaren Umriss
Nebelumgeben
Eine sagenumwobene ferne Zeit
In der Vergangenheit oder in der Zukunft
Aber nicht in der Gegenwart

Gegenwart ist dieser Tisch
Gegenwart ist das vorbeiziehende Kanu
Gegenwart ist die Lagune, das Ufergras, meine Sehnsucht
Ich kann sie alle tasten, schmecken
Und verstehen

Doch die grünen Träume dort in der Ferne
Sind ungewiss –
Sie sind das Schlummernde in mir…

– Che Chidi Chukwumerije.

Interview zum lyrischen Mittwoch 15.
– beim Sebastian Schmidt von Textbasis.

WANDERLUST

Meine Lust
Wandert
Von Frust zu Frust

Zieh mir das Hemd hoch
Und küss kühl meine Haut
Hol mich langsam runter
Schenk mir Frieden, Hoffnung, Trost

Meine Lust
Wandert
Von Brust zu Brust.

– Che Chidi Chukwumerije.

DEINE STIMME

Deine Stimme war mal Holz
Dein heranwachsender Wille war eine Axt
Und eine unsichtbare Kraft war der Arm,
Der dich geschwungen hat
Niemand hat dich gezwungen.

Deine Stimme ist nicht mehr Holz
Sie ist zerhackt, zerstreut, gebrochen und erwacht, geflogen
Wie ein Tausend fast geschriebene Gedichte –

– Che Chidi Chukwumerije

SCHÄTZE MICH ABER JETZT

Ich setze mich ruhig
Auf die Bank Deiner Liebe
Pfeife durch gezogene Lippen
Lache mit den Vögeln

Bin ich einsam? – Wer weiß?
Bin ich traurig? – Wer weiß?
Ich sehe freudig aus
Pfeife mit den Vögeln

Ich bin auf Erden
Wanderer aus undenklichen Urfernen
Bin ich von Heimweh gefüllt? – wer weiß?
Ich bin wanderfroh, wach und wieder da

Und, auf meiner Rückreise
Setze ich mich ruhig auf die Bank
Deiner Liebe
Einen Augenblick harre ich
Und dann bin ich wieder gegangen
Flügel, winkend, eine Erinnerung…

– Che Chidi Chukwumerije.

WANDERDURST

Schweres Regentröpfchen
Schwanger mit einem ganzen Gestern
Wie bewegst du dich traurig
Die Wange der Welt herab

Die dürstende Erde wird deine Traurigkeit
Dankbar schlucken
Und erblühen

Ich habe einmal zu oft aus deinem Herzen
Getrunken, Liebling
So einen Durst habe ich

Du hast einmal zu oft über mich
Und meinetwegen
Geweint
Die Oase enthält kein Wasser mehr

Weiter wandere ich
Ich habe Durst.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.

DAS LACHEN ÜBER ALLES

War das ein Lächeln? – Sollte eins sein.
War das Wasser, Galle oder Wein?
Gestorben. Deine Augen schauen, glassgleich,
Durch klare Brille hinaus. Hart und weich. – Reich
Und von mir tief geliebt ist diese wilde Sprache,
Zwanghaft gezähmt – fast – von starken Geistern. Ich lache
Wieder, betrunken vom Leben. Es tut gut. Sehr gut.
In einer oberflächlichen Welt braucht man, über alles, Mut.
Mut, um zu widerstehen dem kalten Welteninstitut.
Das Lachen tut gut.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.

KLARHEIT SUCHEN

Du in der Leere
Du in dem fremden Land
Du in dem Garten, wo keiner sonst ist
Bist du sicher?
Ganz sicher?

Du ohne Bruder
Du ohne Schwester
Du ohne Familie, ohne Freund, ohne zweiten
Du ohne Mitreisenden
Bist du sicher?
Ganz sicher?

Du für dich allein
Du bei dir allein
Sei doch zuerst dessen ganz klar
Was du machst und machen willst
Bevor du weiter wanderst
Bevor du weiter wanderst
Bevor du weiter wanderst
Dorthin.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.

GEWALT UND GEFÜHL

Man sagt
Es stolpert im Wald ein Geist herum
Freund der Tiere, Sohn der Natur
Ein Typ mit wilden Haaren und scheuen Augen
Und einer längst vergessenen Geschichte.

Nur eine
Hat noch nicht vergessen
Politik und Entwicklung haben ihr die Vergangenheit
Nicht weg radiert
Je ferner in die Zukunft die Welt rast
Desto tiefer sinken ihre Wurzeln in das Vergangene hinein.

Es sind kleine Dinge
Die sich an ihn erinnern lassen
Kleine Laute in der Natur, ohne Körper und Ziel
Schatten im Wald, flüchtige Bewegungen.
Sie guckt hinein, sieht nichts, nur Dunkel
Spürt jedoch seine Augen, wild und scheu
Und voller Angst…

Mütter, die ihre Söhne verloren haben
Schwestern, die ihre Brüder verloren haben
Töchter, die ihre Väter verloren haben
Frauen, die ihre Männer verloren haben
Mädchen, die ihre Geliebten verloren haben
Verloren aber nie vergessen.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.

ENTSPRECHEND

Wer Politiker sein will
Muss zuerst Mensch werden

Die Menschheit ist auf der Suche
Nach Vervollkommnung auf Erden

Wie viel Ich
Vertragen so viele Herden?

Nur wer Deiner Inneren Stimme entspricht
Dem folgst Du ohne – und trotz – Beschwerden.

– Che Chidi Chukwumerije.

AUCH TRAURIGE MOMENTE SIND MOMENTE

Jene Momente
In denen ich an den 5. April 1995 denke
Einen Tag vor dem Unfalltod meines Bruders
Er wußte nicht, es war sein vorletzter Tag…

Jene Momente
In denen ich an den 18. April 2015 denke
Einen Tag vor dem Krebstod meines Vaters
Die Behandlung lief gut
Er dachte nicht, es war sein letzter Abend…

Jene Momente
An denen ich an die liebsten Menschen in
Meinem heutigen Leben denke, und weiß
– genau so wie ich an andere nun denke –
Einige von ihnen werden sich einst an unser
Letztes Auf Wiedersehen erinnern

Und sinnen: Hätte ich nur gewusst
Daß das der letzte AugenBlick sein würde…
Denn einem unter uns Menschen war gestern immer
Der vorletzte Tag

Liebe den Moment, Mensch
Liebe und lebe diesen Moment

Er wird sich nicht wiederholen.

– Che Chidi Chukwumerije.