Wir sind alle wandelnde Wunden Nur bei manchen Menschen Sind die Wunden tiefer als bei anderen So tief, Du würdest nie denken Sie horten im Tiefsten schweigend Wunden Die innerlich bluten Und äußerlich lachen und grüßen Und immer stark sind. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
über Leiden
GLÜCKSBRINGER
Wenn Du einsam bist Rede mit Dir selbst Dafür musst Du nicht Warten auf den Herbst Wenn Dein Glücksbringer Dir keine Freude bringt Zünde innerlich eine Kerze Deren Schein nach Außen dringt Du bist ohne es zu wissen Jemandem sein Glücksbringer Jemandem seine Freude Seine Stärke, sein Pfadfinder Sterbe nicht bevor Du stirbst Lebe während Du lebst Schenke mir einen tieferen Blick Wenn Du morgen spazieren gehst. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER DORFWANDERER
Es läuft ein Mann von Zeit zu Zeit Auf der Dorfstraße Und ahndet mit keinem Blicke mich Oben auf der Terrasse Er redet wirr und wirres Zeug Mit jemandem in seinem Kopf Er redet ernst und lächelt plötzlich Und spielt mit seinem Zopf Weiß er, wer überhaupt regiert? Wer im Parlament sitzt? Weiß er, welche Rechte er Wie wir alle besitzt? Und wenn man ihn doch sprechen tut Blickt er überrascht hoch Und grüsset höflich, scheu und nett Mit traurigen Augen doch. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ABSTRAKTERE SCHÄTZE
Jedes Mal, wenn ich ansetze, Trauriges zu schreiben, steigen Zuversicht, Gleichmut, Hoffnung, Ruhe in meine Sätze hinein, machen aus einem langen Bericht ein Standbild meiner abstrakteren Schätze, eine kleine Nachtmusik, ein kurzes Gedicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHLAFLEID
Ob heute Nacht
unter einer Brücke
ein Obdachloser Sehnsucht
nach einem altgeliebten Lied verspürt
und es nur in seinem Gedächtnis
wieder hören kann, denn er hat weder
Handy noch Musikspieler noch Internet,
und er wird nostalgisch, dann traurig,
dann unruhig, nimmt seine sieben Sachen
und sucht sich einen Bahnhof
unter der Erde und dort
auf einer Bank unter dem grellen Licht
hüllt sich in einem dunklen Schlafsack – und schläft – ein…
Ob er, bevor er einschläft,
in seinem Kokon wie eine Raupe,
sein altgeliebtes Lied zu sich singt
und an einen Schmetterling denkt?
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WERDE SACHT
Langsam… langsam… Komm runter Verlangsame Dich heute Nacht Mein Herz - Einsam… weil seltsam… Sehnsüchtig mitunter Beruhige Dich, werde sacht, werde sacht Mein Schmerz. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DEINE ERKENNTNISSE GELTEN DIR
Es hat nicht alles mit mir zu tun - Die Selbstgespräche eines anderen, Die Art, die Weise, die in ihm un-ruhn, Die Dämonen in seinem Inneren. Nicht alles, was mir gesagt wird, Hat wirklich mit mir zu tun. Sehnsucht nach mir ist umgekehrt Die Sehnsucht nach eigenem Wachstum. Irgendwo in uns allen Wohnt verlangend unser Leben lang Ein sechzehnjähriges Naturtalent Bereit zum Geben, bereit zum Empfang Was Du von mir unfertig empfängst Ist nicht der Schlüssel zu mir. Ich gab Dir, und ich gab‘s Dir längst, Den Schlüssel und die Lösung zu Dir. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FRUST
Manche kommen ohne zu gehen Manche gehen ohne zu kommen Manche kommen ohne abzugehen Manche gehen ohne Abkommen Frust Lust Was Du musst Unterscheidet sich von dem, was Du tust Sehnen, dehnen Nehmen, genommen Fragen, verzagen Weder gehen noch kommen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
LECKEN
Ich lecke Dein Herz
Schmecke nein nicht Dein Schmerz,
Sondern ich schmecke meinen
Denn Du hörst nicht auf zu weinen.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE BESTEN GESCHENKE
Heiligabend. War er bereits –
mit Geschenken mehr oder weniger beladen –
bei Euch gewesen?
Nicht vergessen, zieht hoch die Rolladen…
Schaut hinter die Fassaden:
Die besten Geschenke
kommen, reich beladen, von Herzen
und lindern den Mitmenschen
ihre Trauer, ihre Einsamkeit und ihre Schmerzen…
Brennen heller als alle Adventskerzen.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
