Ich sah heute einen Mann in Schmerzen Und bei allem Tröstenden, das ich sprach, Nahm er es auch Trost suchend zu Herzen, Ließ sein Leiden trotzdem nicht nach. Wunden, wie alle anderen Lebewesen, Brauchen und wollen ihre Zeit voll haben. Kein Mensch, niemals, kann früher genesen Als die Frist die ihm seine Wunden gaben. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
über Leiden
IN MEINER WELT GEWINNT IMMER DAS GUTE
In meiner Welt gewinnt immer das Gute Gerechtigkeit Selbst ist mir innigst zumute In meinem Geiste, in meinem Blute Bis die Wahrheit endgiltig gewonnen hat Habe ich keine Ruhe, wende ich kein neues Blatt Eine Lüge als Angriff ist das tiefste Attentat Ich lief einmal weg und fühlte mich beschissen Ich zögere nie mehr, hin und her gerissen, Denn nichts ist feiner als das Gewissen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WIESO DER HASS?
Haben wir Schritte nach Vorne getan
um wieder rückwärts zu stolpern?
Oder sind wir im Kreis euphorisch geirrt?
Die Vergangenheit wartet ein paar
Generationen weiter in der Zukunft auf uns –
Schreiten wir als Gesellschaft vergeblich voran?
Nie sah ich rücklings zeigende Schuhe
bis moderne Füße sich darein steigerten
Eine Gesellschaft verliert sich im alten Nemesis
und verwechselt Gestern mit Morgen
und verwechselt Hassen mit Sorgen –
Ein Hass lang verborgen.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MANN
Du weißt nicht, was Du ertragen kannst Bis Du es ertragen musst. Du weißt nicht, was Du überleben kannst Bis Du es überleben musst. Wie fühlt es sich an, Wenn eine ganze Gruppe Jagd auf Dich macht? Wie fühlt es sich an, Wenn ein Auto aus dem nichts in Dich kracht? Es fühlt sich wie das Leben an Wo Du nicht weißt, wem Du vertrauen kannst. Es fühlt sich wie das Leben an Wo Du lernst, daß Du Dir selbst vertrauen kannst. Der Samen stirbt in der Erde Eher er zum Baum wiederauferstehen kann. Mein inneres Kind starb auf der Erde Damit ich wiederauferstehen konnte als Mann. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HERZWEG
Der Weg ins Herz Der führt abwärts Ins dunkle Tal Jedes Mal Und jedes Mal In jedem Fall Abwärts einwärts In höllischen Schmerz Der Weg ins Herz Führt erst aufwärts Nach Schmerzgewinn Und Neubeginn. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER MENSCH IN MIR
Es kommt der Moment Du sagst Dir Und Du sagst es Dir vehement Ein Mensch lebt hier! In mir. Diese Zukunft, von der alle reden Ein Stück davon wohnt in mir Ohne mich keinen Eden Der fehlende Teil steckt hier In mir. Ich wehre mich gegen Unrecht Gegen Ausschluss aus dem „wir“ Und es gibt mir Recht Der Mensch hier In mir! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALLEIN IN DER MENGE
Es gibt diesen einen Tag Diesen einen Augenblick Während Du mitten in und mit der Menschenmenge läufst In dem Du plötzlich realisierst: Ich bin allein. Du hältst an, stehst still Wie ein Tänzer mitten im Schrei Während unzählige Stimmen Wie Schlagzeuge auf Deine Ohren Antworten zu ungestellten Fragen Hart nieder trommeln. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TÄGLICH SCHWARZ
Ich weiß nicht Wie der Tag das macht Mich verändert Bis vor Mitternacht Ich weiß nicht Wie die Gesellschaft es schafft Täglich mir zu nehmen Und zu geben Kraft Ich weiß nicht Wie das Leben das kann Jeden Tag zu zaubern Aus mir einen neuen Mann Nur eines weiß ich Diese dunkle Haut Ruft die vermittelnden Erlebnisse Täglich und laut. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WIE DU REIST
Die S-bahn ist voll mit Menschen Und voll ohne Menschen Leer mit Menschen Und leer ohne Menschen Es kommt darauf an, wo Du her kommst Wie Du reist Und wo Du im Leben hin willst. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE SELBEN SCHMERZEN
Sonderbare Welt Wo jeder Mensch den anderen Für einen Fremden hält Wortlos an einander vorbei gehen Ohne zu entdecken Daß sie alle die selben Schmerzen In sich verstecken Selbst wortlos würden sie sich verstehen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
