Die Augen der Welt sie saugen Dein Selbstvertrauen - Fremdblicke in Fremdenblicken der Nacktheit. Mit Fremdschauen kommt Fremdschämen des Selbsts; stets nachschauend, ob sie zuschauen, Du gibst denen zu viel Macht über Dich, die Dir Deine Freiheit sehend verbauen - sie strafen Dich mit Blicken, die Streife fahren wie Polizisten plötzlich aus den Blauen heraus, Dich im Scheinwerfergericht ihrer Augen fangend, sie werfen den Schein auf und klauen Dir - wenn Du es zulässt - Deine Einsicht, Deine Zuversicht, ja, Dein Selbstvertrauen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
über Leiden
DIE SONNE GEHT WIEDER AUF
Die Sonne geht wieder auf Deine Erdscholle freute sich darauf Die Dinge nehmen ihren gewöhnten Lauf Beispiele dafür gibt es Zuhauf Menschen lachen und sind gut drauf Sie lieben, streiten, erledigen den Einkauf Stoßen an, rufen, „Du säufst! Ich sauf!“ Geschäfte erleben den üblichen Zulauf Es riecht irgendwo nach Kartoffelauflauf Hunde und Kinder fliegen runter und rauf… Einen Tag nach dem einschneidend, glatt, Deine Welt sich verändert hat. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SAGT ETWAS
Es gibt Blicke, sie sind grob, fest, physisch, Sie fassen sich gegenseitig überall an. Sie kleben förmlich aneinander siamesisch, ziehen einander jeweils in des andern Bann. Kein Wort moderiert die krude Intensität. Schweigend, dieser Moment der Intimität. Ein Mensch, der an der Bushaltestelle vorbei geht; Ein anderer, der auf dem Bus wartend steht. Jeder schaut den anderen verlangend an und wird nie erfahren des andern Identität. Hier kommt der Bus, der eine steigt ein - Der andere geht weiter. Beide bleiben allein. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TIEFER VERSTEHEN
Schmerz, Du tröstest mich, da die Freude zu schwach war um mich zu verstehen wirklich - sie dachte, alles sei wunderbar. Aber Du, Schmerz, bist tiefer, Du kennst, verstehst, mich besser, denn Du warst stets an meiner Seite von Anfang an - und bis zum Ende. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DEHNSUCHT
Dehnen - mich dehnen - mich ausdehnen Über die Grenzen der Straßen hinaus Über die Fesseln unserer Lächeln hinaus Über die Schranken aller Gedanken hinaus Über die Sätze Eurer Gesetze hinaus Über die Fügung unserer Lügen hinaus Über die Glut des Blutes hinaus Über die Enge meiner Ängste hinaus Über das Drohen ihres Hohns hinaus Ich will mehr. Dehnsucht. Ich will mehr sein. Dehnsucht. Ich will mehr bewusst sein. Dehnsucht. Nach dort, wo Du bist Die reinere Hälfte meines reiferen Selbst Schmerzlich vermisst Der Schmerz weitet mich von Selbst zu Selbst Aus. Ich lasse es zu und gehe mit, Denn die Dehnsucht in mir hält Schritt Mit dem Schmerz, der mich innerlich frisst. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
LIEBE ALS RATTENFÄNGER
Ich habe von Menschen gehört, die ahnen, daß es nicht funktionieren wird, dennoch gehen sie wie getrieben der Liebe Bahnen entlang, hoffend es wird funktionieren doch - und verenden gefangen in einem Loch. Was ist diese Macht, die uns dazu zwingt zu tanzen, obwohl die Liebe nicht singt und nur die Musik des Rattenfängers klingt? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NIE VERGESSEN
Jemand steht fest hinter mir Ich sehe ihn nicht, weiß nicht mal ob er männlich ist oder weiblich aber ich empfinde ihn manchmal immer wenn ich verzagend aufgeben will hält und stützt und stärkt er mich wie ein echter Freund tiefer als nur Gefühl: Es gibt mehr im Leben als Du siehst Mehr als Krieg, als Arbeit und Stress gibt es die Bildung Deines Geistes Nie vergessen, das ist der wahre Prozess. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EMPFINDE DIE ERBSE
Übe und lerne unruhig zu liegen auf weichen sanften bequemen Betten wie die Prinzessin auf der Erbse - Deine Empfindung wird Dich retten im Dunkel ohne Stab, ohne Leiter, ohne Kerze wird ein Hauch des Falschen Tonnen wiegen auf Deinem Gemüt. Du wirst es spüren, eine feine Empfindung ohne große Erklärung - Schichten von Geschichten ersticken sie nicht - Wenn etwas nicht stimmt, fühlst Du die Störung. Und das Empfundene, ob Gericht oder Gedicht, spürt stets die Worte auf, die dorthin führen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DREIECK
Der lange Weg zwischen dem, was wir sagen, und dem, was wir meinen, und dem, was wir bewirken, ist so kurz wie ein Wort, wie ein Lachen, wie ein Blick, der nach Osten fliegt und im Westen ankommt, der den Süden sucht und den Norden findet, der den Sonnenaufgang malt und der Sonnenuntergang erscheint auf der Leinwand. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ES DRÄNGT
Herz schwer beladen mit Drang Mitteilungs-, Bewegungs-, Geltungsdrang. Suchen! Suchen! Erlebnisdrang. Irgendwas Unvollendetes Irgendwas Unerklärliches Irgendwas Selbstgetriebenes regt sich in Dir, macht Dich unruhig. Keine Beziehung kann Dich beruhigen Keine Leidenschaft kann Dich befriedigen Keine Errungenschaft kann Dich besänftigen. Geistiges, Andersartiges regt sich in Dir, durstig und unruhig. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
