KEINER IST VOLLKOMMEN

Keiner ist vollkommen -
Die, die Dir am nächsten sind,
werden es Dir belegen.
Weil sie Dir am nächsten sind.

Suchst Du die Frommen,
suche nicht unter Deinen Freunden.
Nur die neben Dir einst gelegen,
können Dich verleumden.

Aber angenommen
Du verzeihst nicht, wenn sie bitten,
wirst Du den erhofften Segen
auch draußen nicht finden bei Dritten.

Denn keiner ist vollkommen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFER

Ich brauche Tiefe.
Hast Du sie?
Willst Du zu mir, bring sie mit.
Den innigen Blick,
den tiefen und tiefer gehenden Schnitt.

Ich habe Tiefe.
Brauchst Du sie?
Willst Du zu mir, werde grenzenlos.
Wo ich stehe, und täglich tiefer hinein gehe,
ist bodenlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER LERNWEG

Nichtsdestotrotz
möchte ich Dich bitten,
Weg, weiter zu gehen,
ob wohl, wund geritten,
meine Reifen, ich meine
mein Begreifen von Dritten,
bereits ausgereift ist -
dritte Reiche, dritte Sitten.
Man lernt nie aus,
nie aus anderer Fußtritten
und deren Berichten darüber;
nein, selbst durchschritten
muss man gefrorene Seen haben,
auf dünnem Eis ausgeglitten
sein, gebrochen, mit Lügen
und mit Schatten gestritten
haben, uralte Vorurteile, neu
institutionalisiert, selbst erlitten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINES PFEILES ZIELSCHEIBE

Ob Du es magst oder willst oder nicht
kommt der Augenblick als wär‘s seine Pflicht -
Und je länger er gärt, bevor er kommt,
desto reifer die Ernte, aus der er strömt.

Nichts, was ein Menschengeist sät,
kehrt nicht einst zurück wie ein Komet,
kommt er früh oder kommt er spät.

Denk daran, wenn Du heute böse tust -
Deines Pfeiles Zielscheibe ist Deine Brust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES GIBT EINEN FRIEDEN

Es gibt einen Frieden
Der ist schwer zu beschreiben
Denn Beschreibungen richten sich an den Kopf
Doch dieser Frieden findet im Herzen statt.

Es gibt einen Unfrieden
Der ist schwer zu vertreiben
Denn der Kopf ist der Deckel, das Herz der Topf
In dem der Unfrieden seinen Sitz gefunden hat.

Nichts stört mehr den Frieden
Als ein Schwarzer, der sich weigert zu unterschreiben
Er stellt die Welt auf den Kopf
Denn er reklamiert die Normalität für sich als Heimat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLÜCKLICH SEIN

Nochmal: Glücklich sein ist kein Wettbewerb,
sonst ist es kein glücklich sein mehr,
sondern unglücklich sein. Der Verderb
des Glückes kommt mit dem Seelenverzehr
durch das Besserseinwollen im Erwerb
dessen, was nicht erworben werden kann,
denn Glück ist ein als Nomen getarntes Verb -
werden muss es getan.

Und zwar so: Anderen Glück gönnen
beglückt die, die das können.
Andere glücklich machen
läßt im Macher das Glück erwachen.

<em>Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KRAFT ZUM WEITERMACHEN

Besuche so oft Deinen Schmerz
bis er nicht mehr so sehr schmerzt,
daß Du ihn fürchten musst.

Sei Dir Deiner Stärke bewusst:
Wer aus dem Unerschöpflichen schöpfen kann,
dem hat sich eine Wunderkraft aufgetan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZU MIR

So müde
Ich kann nicht mehr
So müde
Ich darf mich nicht ausruhen
Sonst stehe ich nicht mehr auf.

Uralt und dennoch ewig jung
Ich sehe die Dinge anders
Deshalb mache ich die Dinge anders
Und darf dabei nicht aufhören
Und darf dabei nicht pausieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IMMER WEITER

Sie war die Anomalie
Die sich selbst nicht begriff.
Egal wie nah sie
Anderen kam, wie ein Schiff
Ohne Anker an einem
Hafen ohne Landungssteg
Gab’s Verbindung mit Keinem
Und sie trieb wieder weiter weg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WARUM ICH SCHWEIGE

Warum ich schweige,
mich zur Stille neige:
Weil jedes Wort Verrat wär
an das Beste in mir -
Weil jedes Wort Verrat wär
an das Echte in mir.

Ich würde so gerne
ganz in die Ferne,
Starrem mich entziehen -
innerlich, meine ich -
mich zurück ziehen.

Schweige ich, weine ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung