FILTER

Ich erlebe oft, daß
wenn ich zaubere, die Deutschen
davon ausgehen, ich
hätte einen Fehler gemacht, weil
ihr innerer Filter ihnen
versichert, einer wie ich könne
niemals so zaubern.

Dabei ist es für mich keine Zauberei, das
zu sein, was auch immer es sei, was
ich bin, und ich fühle mich Zuhause dabei.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUS DEM INNEREN

Ein Geist herrscht über das Land
Suche ihn nicht in Gesetzesparagraphen
Suche ihn in den Augen der anderen.

Und wer ihn dort erkennend fand,
Der mache seinen Spiegel zum Fotografen -
Erblicken wird er ihn auch im eignen Inneren.

Erst dann strecke aus Deine Hand
Öffne die Gesetzbücher, wie Seismografen
Markieren sie erschütternd genau Eure Miseren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

POLITISCHE TATMUT

Gewählt
Damit es zählt
Doch das stimmt nicht überein
Mit was so manchen von Euch erzählt

Veränderung braucht eine kritische Masse
an Tatmutigen nicht nur im Land allgemein
sondern spezifisch in der politischen Klasse.

Denn Ihr seid gewählt,
Damit es zählt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HANAU: MORD REINIGT KEIN LAND

Mord reinigt kein Land
Er beschmutzt es
Ohne Herz kann Hand
Nur Hässliches

Mord einigt kein Land
Er spaltet es
Ohne Empfindung hat Verstand
Nur Totes, Kaltes.

Hanau, wir sind echt, kein Trend.
Reiche mir Deine Hand
Wie ihr Lachen an dem Abend
Bevor es verschwand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WORTSTEINE

Ich höre Euch rufen
Aber die Wortebrücke ist eingestürzt
Stimmbruch, kein Wortbruch
Ein Schweigen klarer als jedes Wörterbuch
Ich höre Euch rufen
Und dennoch höre ich Euch nicht
Worte sind Bausteine der Kommunikationslücke.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFER BLICKEN

Der Weg vor uns ist lang
Und hart
Schau nicht auf meine Hautfarbe
Spüre meinen Geist
Ich kenne den Weg

Die Tür vor uns steht fest
Und schwer
Schau nicht auf meine Geschichte
Spüre mein inneres Gedicht
Ich habe den Schlüssel

Das Ziel vor uns weicht aus
Und ist in Rätseln gehüllt
Schau nicht auf mein Geschlecht
Spüre meine Empfindung
Ich weiß die Antwort.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SONDERBARE BILDER

Meine Bilder reichen mir nicht mehr
Andere müssen her
Aber woher?

Ich spüre Dinge, ich sehe sie nicht
Ich finde keine Worte, nenn mich Gedicht
Die Gesellschaft schreibt mich täglich nieder
Ich bin ihr Geheimnis fremd veröffentlicht
Sie findet sich und wundert sich in mir wieder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PLATZ FÜR UNS

Er auf seinem E-Rollstuhl
Sie mit ihrem Rollator
Sie wollte einsteigen
Er wollte wenden und rausfahren
Kein Platz für beides, für beide.

Sie fangen an, zu streiten
Sie findet eine Ecke, er Platz
Der Fahrer legt die Rampe an
Er fährt aus der Straßenbahn raus
Sie setzt sich, in sich versunken

Neben mir sitzt ebenfalls eine Alte
Sie beobachtet alles wortlos, steigt
mühsam an der nächsten Haltestelle aus
Wir werden älter, die Welt jünger
Wir werden langsamer, die Welt schneller

Und wir werden ungeduldiger miteinander
Anstatt geduldiger. 

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEHR AUTOBAHNEN

Friedhof der Bäume
Stiller Asphalt
Jede Fahrt ist laut klagend
ein Trauermarsch angeschnallt
Schneise wie Grab
führen zum nächsten Aufenthalt
Manche sagen höhere
manche sagen Natur-Gewalt
manche sagen: Es muß doch
einen anderen Weg geben. Halt!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RECHT AUF FEHLER

Siehst Du mich wirklich
Als ebenbürtig und gleichwertig?
Beweis es mir -
Zeig mir, daß ich zu den selben Fehlern
Wie Du gleichberechtigt bin.
Verzeih mir und gestatte mir
Meiner unvollkommenen Menschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung