VIELFALT DER MENSCHHEIT

Wir sind so verschieden –
Fünf Hautfarben genügen nicht,
um Vielfalt zu wiedergeben.

Ein Regenbogen reicht nicht aus,
um unsere Lichter zu widerspiegeln,
wenn wir uns der Sonne öffnen.

Wir sind aus verschiedenen Empfindungen geboren,
aus unterschiedlichen Gedanken gekleidet
und verkörpern jeder ein einzigartiges Bewusstsein.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE MACHT LIEGT BEI MIR

Ganz egal wie ich den Baum nenne
Er ist Baum
Fluss kaum

Ganz egal wie ich den Fluss nenne
ist er Fluss
der fließen muss

Wie Du mich bezeichnest
kennzeichnet Dich
nicht mich

Wie ich lebe und mich gebe
ändert die Welt
die sich dadurch weiterentwickelt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANGEHALTENER ATEM

Die Bilder, die uns hätten mahnen sollen,
ernteten uns, und siegessicher, Erlahmung

Die Bilder, die uns hätten warnen sollen,
signalisierten stattdessen Entwarnung

Die Bilder,
die uns an vergangenes Übel erinnern sollten,
angeblich wilder,
lenkten uns vom heute begangenen Übel ab,
anscheinend milder.

Doch Fremdenhass kommt heute
niemals angekleidet wie gestorbene Leute –
Er zieht T-Shirts von heute an
sieht cool aus, normal, aufgetan
und tanzt im Club dann und wann.

Hass braucht keinen Grund, zu hassen.
Dein Dasein ist ihm Boden genug.
Generation für Generation wächst seine Ungeduld.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN DU DEN SCHMERZ NICHT MEHR FÜHLST

Wenn Du den Schmerz nicht mehr spürst,
bist Du stark oder bist Du taub geworden?
Wenn Du die Nacht nicht mehr hörst,
bist Du hell oder bist Du taub geworden?

Oder wie soll ich das sonst sagen?
Ich lief durch den Tag, durch die Stadt
und sie fühlte sich nicht mehr fremd an.

Bin ich wach geworden oder bin ich tot?
Wie kann etwas einst neu und fremd
sich anfühlen jetzt wie eine Heimatstadt?

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERS SEIN

Wir wollen alle das Gleiche
deshalb muss jeder was anderes machen –
Macht jeder das Gleiche,
wollen wir alle unterschiedliche Sachen.

Nie werden die Jahreszeiten
sich gegenseitig nachahmen oder gleichen –
Denn alle wollen das selbe vorbereiten,
So stellt jeder auf seiner Art die Weichen

Das Jahr wird immer rund sein:
Ein bisschen Freude, ein bisschen Schmerz,
Ein bisschen hart sein, ein bisschen wund sein,
Die Mischung macht das Menschenherz.

Und Du wirst Du sein, und ich ich
Und sehnen uns beide nach dem anderen
Wir wollen beide Liebe gegenseitig;
Das bekommt jeder nur in dem anderen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

Der Lärm bedeckte bekanntlich das Schweigen nicht
Denn das Schweigen übertönt alles –
Alle Gespräche, alle Verträge, alle Abkommen –
Keiner redet wirklich mit den anderen.
Alle schweigen.
Und verschweigen das Schweigen.

Wald- und Wüstenwege
Flüsse und Seerouten
Dann Flugzeuge, dann das Internet
brachten sie zusammen
Sie lernten sich jedoch nicht kennen
Nur ihre Vorurteile trafen aufeinander
Und nun sind alle perplex.

Nie war die Welt vereinter
Nie war die Welt getrennter
Denn Nähe überwindet keine Distanz
Nähe verdeutlicht und verschärft Distanz.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WIRD NOCH LANGE DAUERN

Es wird noch lange dauern
bis Ihr mich anschaut
und nicht zuerst Eure Vorurteile
unterdrücken müsst
um mit mir lächeln zu können

Meine Kinder werden diese Zeilen wiederholen
Ihre Kinder werden diese Zeilen wiederholen
Ich weiß es
Denn auch mein Vater wiederholte sie
und sein Vater vor ihm

Erst dann werden diese Zeilen
nicht mehr wiederholt,
wenn wir nicht mehr da sind zum Anschauen
weil wir weiter gegangen sind
und Euch zurückgelassen haben.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INNENGRENZEN

Art erkennt sich nicht mehr
weil sie sich nicht mehr kennt
Äußerlichkeiten halten her
Aussengrenzen schliessen: nicht schwer.
Da, wo es am wenigsten brennt.

Aussengrenzen öffnen: nicht schwer.
Da, wo es am wenigsten brennt.
Innengrenzen: Da stammt die wahre Abwehr
gegen Artgenossen weltweit her
weil Mensch Menschlichkeit nicht mehr kennt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRENNLINIEN

Nie sah ich eine Seele so zweigeteilt
wie die deutsche derweil –
Zwillinge aus einem Ei.

Auf beiden Seiten gute Menschen
getrieben zum Nachdenken
Auf beiden Seiten schlechte Menschen
die sich gegenseitig bösartig bekämpfen.

Ob Migration, ob Corona, irgend ein Rätsel
wird sie immer trennen,
um deutlich zu zeigen, nicht das reimlose
unlösbare Rätsel formt die senkrechte Trennlinie,
sondern Gut und Böse die waagerechte.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE DINGE

Kleine Dinge
mit Herz und Hand gemacht
und sie fügen sich
wie Ringe
zur Lichterkette der Weihen Nacht
irdisch und geistig.

Wie jede kleine gute Tat
für Mensch oder Tier
für Natur oder Stadt
aus tiefstem inneren Gespür –
Auch wenn Du nichts dafür bekommst –
Es war nicht umsonst.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung