AUF-BRUCH

Am Rande des Abends
sind wir am Rande des Morgens
Aufbruchstimmung
wie ein fremdes Gefühl im Bauch
Wir kennen das nicht mehr
Aufbruch
Stimmung
Wir befürchten, daß das Neue
nur ein anderer Name des Alten ist
unter den schönen Klamotten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEISER HASS

Der Hass ist aufgeblüht
und riecht an unerwarteten Orten
– im unsichtbaren Herzen
manch einst geliebten
einst geschätzten Menschen
wird er unsicher gehortet
unruhig beobachtend, wartend
auf den rechtfertigenden Moment.

Der Hass ist aufgegangen
Das Herz steht schwarz und stillschweigend,
wahrnehmbar,
doch nicht mehr erreichbar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SELBSTGERECHTEN

Ein Mörder drückt ab
Aber wir sind natürlich Schuld
Denn wir hielten ihn ja nicht ab
von seiner empörten Ungeduld.

Geladen laufen sie rum
Ängstlich beladen mit Beleidigung
Leicht zum Verladen zum Schaden –
Jede Entgegnung ist eine Einladung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLSCHAFTSSCHWEIGEN

Gibt es irgendwas
was wir alle wissen
doch keiner spricht davon?

Es könnte sein
daß es dieses eine Ding gibt
wovon keiner spricht.

Wir ahnen es
wissen es aber nicht genau
denn keiner spricht davon.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLSCHAFTSSTERBEN

Blumenreiche Flur
Sterbende Blumen
Menschenähnliche Natur
Reich an Volumen
Traurige Lächeln nur
Innerlich leeres Lumen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HEUTE DIE SCHWELLE

An der Schwelle zwischen Öl und Wasser
Zwischen Gas und Wind
Zwischen Kohle und Sonne
Zwischen Kern und Elektronen

Zwischen gestern und morgen

In diesem großen großen leeren Raum, wo
Verantwortungssinn und Entscheidung fehlt,
schwebte Energie und schaute zurück
und schaute nach Vorn.

Und wusste nicht weiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STADTTEILE

Wie Geheimnisse aufsteigend
aus dem Mutterleib des Ozeans
tauchen plötzlich
aus der Tiefe der Stadt
neue Menschen auf ihrer Oberfläche auf.

Auf einmal wohne ich
in einer völlig neuen Welt
und mußte dafür nicht einmal
die Stadtgrenze überqueren –
Die ganze Welt wohnt halt in einer Weltstadt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHREIENDE GEDANKEN

Der Lärm der Gedanken ist lauter –
Warum schreien sie so laut?
Wissen sie nicht,
Gedanken gehen uns tief unter die Haut?

Denken sie, daß keiner sie hört?
Wer weniger laut schreien will,
muß endlich was sagen –
Laß es äußerlich raus, werde innerlich still.

Denn der Lärm der Gedanken ist lauter
als alles Gerede der Welt
Und am Lautesten wenn die Menschheit
In gehorsames Schweigen fällt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGEN DEN STROM

Es gibt die,
die vor Einsamkeit flüchten –
sie verlassen das Land der Vereinsamung,
notlanden in lachenden Wüsten,
stranden an menschenüberfüllten Küsten.
Wo einst ihre Verachtung distanziert stand,
wo nichts sie mit denen verband,
da dürsten sie jetzt mit all ihren Sehnsüchten.

Man nennt sie nicht Flüchtlinge,
dennoch sind auch sie auf der Flucht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREMDELN

Du liefst die Straße entlang.
Schade, daß von all den Menschen,
die Dich innerlich ansprachen,
mit keinem kam es äußerlich zur Aussprache.
Du sagtest nichts
Und sie sagten nichts.
Wir leben zum selben Zeitraum auf der Erde
Und laufen alle an einander vorbei.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung