INNERE GLEICHART

Wie lange dauert es
Bis wir durch die Farben hindurch sehen
Über den Akzenten stehen
Die Nachrichten hinterfragen und umdrehen
Die Klischees umrunden auf spitzen Zehen
Durch unsere Ängste hindurch gehen
Und uns verbrüdern auf der Ebene der Ideen?
Wie lange noch?

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANKUNFT

Einst warst Du mir fremd, Land
Eine hohe ungefallene Wand
Wenig Herz, viel Hand
Trügerischer Treibsand
Ich hockte am Rand
Und wusste nicht, wovor ich stand:
Wahrem Wesen oder bloßem Gewand.

Doch der Schmerz ist das beste Asyl
Ich empfinde tiefer als mein Gefühl
Lasse los und spiel nur noch mein Spiel
Die Integration war nicht mehr mein Ziel
Nur die Ehrlichkeit macht stabil
Länger dauerte es danach nicht viel
Und die Mauer fiel.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZU VIEL WELT

Viel zu viel Welt inhaliert heute
Ich bin abends voller Leere
Wie ein Urwald ohne Bäume
Zu wenige Menschen, zu viele Leute
Äußerliche Träume ohne Innenräume
Und leere leere leere Meere.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

CORONA

Wettrennen um Impfstoff und Heilmittel
Bis dann darf die Welt bitte nicht gesunden
Steigend der Geldfieber
Dem Durchbruch entgegen fiebernd
Fieberhaft
Der Gewinner bekommt alles
Der Verlierer darf seinen Mundschutz abnehmen
Wettrennen um Impfstoff und Heilmittel
Bis dann darf keine Normalität einkehren
Auch wenn wir keine Luft mehr kriegen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEWEISFÜHRUNG UNSERES ENTWICKLUNGSSTANDES

Die Welt ist noch nicht weit genug
Der Weiße ist immer noch überrascht
vom Anblick eines Schwarzen im Weißen Dorf
Der Schwarze ist immer noch überrascht
vom Anblick eines Weißen im Schwarzen Dorf
Geschweige denn, wenn der eine
die Sprache des anderen spricht
und menschliche Eigenschaften auslebt
über die der andere alleinigen Anspruch erhob
Die Welt überrascht noch zu sehr die Welt
Die Welt kennt immer noch nicht die Welt
Die Welt ist noch nicht weit genug
Die Menschenwelt.
Die Frage ist:
Fehlentwicklung? Oder fehlende Entwicklung?

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WARUM

Warum ich an Deutschland glaube?
Weil das Deutsche etwas in mir weckte
Was sich ewig anfühlt.

Warum ich an Deutschland zweifle?
Weil das Deutsche etwas in mir tötete
Was ich für ewig hielt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBERLEBENSTANZ

Das Netz ist ein Sieb
Die Kleinen fallen namenlos durch
Das Netz ist lieb
Es trägt die Großen fest und weich
Das Netz ist ein Dieb
Es wird Dir die Wahl geben:
Dein Geld oder Dein Leben?

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEUTSCHE AUSLÄNDER

Es gibt so viele Menschen
die Deutsch sein wollen –
Nein, sie leben nicht im Ausland

Sie leben in Deutschland
haben den deutschen Paß
und sprechen die deutsche Sprache

Manche wurden in Deutschland geboren
sind in Deutschland zur Schule gegangen
und wollen jetzt sein, was sie sind

Nur eines sind sie aber nicht
Sie sind nicht Weiß
Mehr nicht

Und wenn sie sich umdrehen
und weggehen
verschwindet ein Stück Deutschland für immer.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS SELBE ENDE

Am anderen Ende der Welt
fand ich weder das eine
noch das andere Ende der Welt –
Kein Gefühl und kein Impuls
war wirklich weiter entwickelt
als die Einsamkeit oder die Zweisamkeit
Zuhause in meinem eigenen kleinen Zelt.
Fürwahr, die Welt hat kein Ende
und das Ende hat nirgendwo eine Welt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DESILLUSIONIERT

Bauchschmerzen
Ich habe viel zu viele Worte gegessen
Lange gekaut, runtergeschluckt
Sehr schwer zu verdauen
Es sind nicht meine Worte
Es sind die derer,
Deren Augen was anderes sagen
Als ihre Worte die mir den Magen verderben.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung