ÜBERLEBEN

Auf einmal ergriffen mich fremde Hände!
Wo ist meine Familie?
Was sind diese kalten Wände?

Auf einmal lag ich in einem Boot
Wir sind zu Hunderten
Nackt, gekettet, Schweiß, Blut! Kot.

Nein ich kann es mir nicht vorstellen
Nein ich kann es mir nicht vorstellen

Auf einmal war ich Andern machtloser Besitz
Meine Nachfahren werden nie kennen
Ihrer Ahnen Antlitz…

Nur mich.

Jetzt muß ich
Stark sein!

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HINTER DEN KULTUREN

Zugvögeln haben es weit
Doch nimmer so weit wie ich es hatte
Wo ich zu Euch her zog

Groß ist die Welt – und weit
Und Kulturen sind Wände
Hoch und hart, ohne Tür und Fenster

Doch genau so wie der Himmel
Kracht und lacht sein krummzackiges Lächeln
Aufgehellt für einen Augenblick

Gibt es in der Wand manchmal
Einen Riss, und ich schaute hinein
Und sah, überrascht, Menschen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MITTEL ZUM MEHR

Manchmal blicke ich über
den Teich nach Hause
Mit Sehnsucht in mir
Nach Hause

Nein mit mehr als nur
Sehnsucht
Aber ich glaube, eben
Das ist Sehnsucht

Zwei Herzen beseelen
Ach meine Brust
Aus Lust wird Frust
Aus Frust wird Lust

Je mehr ich hier ankomme
Desto mehr
Fehlt mir ein Land südlich
Vom Mittelmeer.

Saftiges grün
Rote Erde
Akzeptanz
Pflicht es werde.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SCHICHTDIENST

Armut in der Mittelschicht
Das Schmiermittel wird dünn
Wechselt die Farbe von rot zu grün
Das oben und unten reibungslos schlichtet

Unbezahlte Rechnung der Mittelschicht
Von unten wird nach oben gegengedrückt
Arm werden macht in der Tat verrückt
Und dann wird alles Reiche vernichtet.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEIL WIR SCHWACH SIND

Unsere Stärken
Sind die Lücken
Zwischen
Unseren Schwächen

Unsere Lügen
Sind unsere Wahrheit
Die Flügel
Unserer Freiheit

Unsere Fehler
Sind unsere Geschichten
Sie ringen nach Auflösung
Und schreiben gemeinsam Geschichte

Bist sie selbst Geschichte sind
Oder wir
Im Zusammenhang
Mit jedem Hang –
Als Anhang, wir.

Unsere Schwächen sind
Unsere Stärken blind
Wir sind stark
Wenn wir schwach sind.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HAUT REIN

Mein Haut ist Kraut
Und zäh und laut
Würzig gebaut
Ist aber auch nur Haut
Verwundbar empfindlich zart

Ich kann sie an und ausziehen
Ihr nennt das Geburt und Tod
Ich denk an meinen Ausgehmantel
Der altert langsam oder wird beschädigt
Und muß eines Tages ausgewechselt sein.

Ist ein Migrant ein Einwanderer
Oder ein Auswanderer? Was überlegt
Er sich nachts, wenn er sich einsam fühlt
Und ahnt, hier komme ich nie an –
Zurück oder bleiben oder weiterwandern?

Die Haut aber weiterhin ergraut
Während es sich auf der Erdenbahn staut
Menschlein, Menschsein ist Mensch sein
Schön sein ist Mensch sein. Zuhause sein
Ist Mensch sein. Egal in welcher Haut.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ARBEITSSUCHE

Ein Fuß nach dem anderen
Verschwindet Richtung Arbeitsamt
Mit Hoffnung entflammt
Ein Herz nach dem anderen
Sehnt sich nach Beschäftigung
Befestigung und Bestätigung:
Auch. Ich. Bin. Jemand.

Was bleibt dem Menschen noch übrig
In einer post-menschlichen Welt
Ohne Geld als Arbeitsfeld?
Ohne Genehmigung ist gesetzwidrig
Neues, ob Jugend, Vorstoß oder Tugend
Es bleibt nur Altes, ungenügend
Verteilt. Aus. Land. In. Land.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ZUSAMMENZUG DER MENSCHLICHKEIT

Wie oft schon
In mahnendem Ton
Sprach ich zu meinen Kindern:

Vor Bus und Bahn
Und an Straßen entlang
Bleibet fern von den Rändern.

Vor unbeabsichtigtem
Schieben, Stolpern, Ausrutschen
Wollte ich sie schützen

Nie dächte ich
Daß absichtlich
Ein Mensch Unbekannten würd schubsen

Deines Bruders Hüter
Deiner Schwester Beschützer
Seid!, möcht ich ihnen nun zurufen.

Deines Nachbarn Wohlsein
Betrachte wie Deins
Und decke ihm seinen Rücken

Wir schließen die Lücke
Vor jeder Heimtücke
Wenn Menschen menschlich zusammenrücken

Neben dem Selbstschutz
Wandert der Nachbarschutz
Keiner kann sich selbst ganz schützen

Wenn Dunkel erwacht
Gewinnt Licht an Macht
Denn wir halten alle zusammen

Möge Gott der Mutter
Der getöteten Tochter
Beistehen – und wir auch. Amen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STRASSENLATERNEN

Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend

Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MULTIKULTI-GESELLSCHAFT

Sie grüßte ihn gerne
Setzte sich jedoch gerne
Zu ihrer Art –

Er arbeitet gerne mit ihr
Feiert allerdings lieber
Mit seiner Art –

Gleich und gleich gesellt sich gern
Doch in unserem inneren Part, weich
Funkelt einsam in jedem ein Stern

Sie liegt nachts wach
Er liegt nachts wach
Und jeder sehnt sich schweigend nach
Der inneren Gleichart.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung