MAßSTAB / MASSSTAB

Alles für den Pass
Machen
Erntet nur Haß.
Tatsachen.

Alles lieber in Maßen
Und nur nach gutem Gewissen

Alles Gute beleidigen
Um Nation zu verteidigen
Erntet nur Haß
Im bodenlosen Faß

Alles lieber in Maßen
Und nur nach gutem Gewissen

Alles, was Mensch macht, wenn
Er sich nach Sicherheit sehnt…
Alles, was Mensch wagt, um
In Sicherheit zu geraten…
Alles, was Mensch zeigt, wenn
Er sich in Sicherheit wähnt…
Alles, was Mensch tut, um
Seine Sicherheit zu verwalten…
Alles, was Mensch fühlt, wenn
Ihn die Sicherheit ablehnt…

Ergeben zusammen die fünf Seiten
Seiner Wahrheitspyramide
In der er mumifiziert liegt
Halb Mensch und halb Gelübde
Gefangen in seiner Schicksalsschmiede.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SOLDAT

Zusammen marschieren
Getrennt kassieren
Alleine erfrieren –
Wessen Krieg führst Du aus?
Kind, komm wieder nach Haus
Sonst werden wir trotz geladenem Applaus
Die Menschheit verlieren.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUSSICHT

Bricht bald
Gewalt
Über uns ein?
Bald bricht
Unter uns
Verzicht
Auf Rücksicht
Vollends ein.

Danach –
Nach Ach und Krach –
Bricht Rücksicht
Umsicht
Einsicht ein
Und Zuversicht neu
Zum Licht.

Jetzt herrscht Vorsicht
Und Unsicherheit –
Alle sind verunsichert.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ROSENDUFT

Die Obdachlosen
Die Straßenrosen
Das karge Almosen –
Fühlst Du Dich abgestoßen?

Die Namenlosen
Haben Namen im Namen der Liebe
Und im Gedächtnis von Jemand
Irgendwo sind sie kein Niemand

Keiner ist niemand
In diesem, in keinem Land
Eine Rose braucht Wasser, Licht und Luft
Wir brauchen Rosenduft

Wieder so ein Abend
Zur Hälfte Freude, zur Hälfte Elend
Die Zeit, die ich vergeude, ist ein leeres Gebäude
Ohne Fenster. Nur Liebe ist wirklich hellsehend.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MENSCH SEIN IST MENSCHSEIN TEILEN

Menschen leben
Um Menschen zu erleben
Und in dem gegenseitigen Erleben
Seiner Mitmenschen
Findet der Mensch
Die ergänzenden Menschenteile
Zu seinem Menschsein

Findet auch den Zugang zur Menschheit
In der geteilten Menschlichkeit
Und findet in dem Miterlebendürfen
Der Freude des Mitmenschen
An dem gemeinsamen Erleben des Menschseins
Auch selbst die Freude
Des Menschseins.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

Das ist alles, was ich sagen kann zu dem gestrigen Crowdfunding Seminar und zu dem Erlebendürfen von Reza und dem Kennenlernen auch von Doudou und Avdesh and Misha und Philipp.
Danke an Dorcas für die Einladung und an Social Impact Lab Frankfurt für die Organisation.
C.C.C. 29.06.19

AUF DER DURCHREISE

Es fällt mir schwer, offen zu bitten
Zu sagen, ich bin Einwanderer, bitte helft mir
Weil ich hilfsbedürftig bin, bitte akzeptiert mich
Denn ich wurde zurückgestoßen und bin leer
Aber nicht so leer, daß ich ohne Stolz bin
Weil ich voll bin mit der Frage nach meines Lebens Sinn.

Mit dem Stolz wandert die Scham einher
Wer will denn Träger einer gefallenen Kultur sein?
Wer will bemitleidet und geduldet werden?
Und geächtet, ausgewichen subtil und fein?
Aber zu stolz sein, es laut zu beklagen
Vor lauter Scham vor seines eigenen Volkes Versagen.

Wer klagt ist schwach; wer nicht klagt, wird geschwächt
Macht ist das Instrument der machtlosen Richter
Dankbarkeit fällt leicht, wenn es schwer ist
Und schwer wenn leicht, aber ich bin ein Dichter
Und anstatt zu sagen, daß ich Einwanderer bin
Sage ich ehrlich stolz, daß ich ein Wanderer bin.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AN DEN FALSCHEN FREUND

Ich habe Dich durchschaut
Ich weiß, was bei Dir
Unter der Haut liegt
Weiß, was Du über
Meine Haut denkst
Auch wenn von Dir
Kein Laut kommt
Und selbst wenn, sagst
Du es leise, nicht laut
Aber mir sind Deine Gedanken laut
Denn ich habe Dich durchschaut.

Daran habe ich lange gekaut
Und bitter doch lautlos verdaut
Und wenn einst Deine Haut taut
Wird laut, was ich vorher
Durchschaut habe.
Denk nicht, daß es mir davor graut –
Es ist mir schon längst laut
Und vertraut.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STEHEN

Ich ziehe auf mich
Tatsächlich noch Blicke
Verschiedenartigen Inhaltes
An denen ich ersticke

Sauerstoffmaske
Läßt mich noch grotesker aussehen
Doch Opferrollen
Sind mir fremder als mein Aussehen

Man steht, wenn man geht
Man geht, wenn man steht
Man gewinnt, wenn man verliert
So lange man sich nicht verliert

Und Achtung wird angezogen
Nicht anerzogen, sondern geweckt
Denn mein Geist war ausgezogen
Und stark zu werden ist mein Zweck.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SCHATTEN AM STRASSENRAND

Wir sind nicht so anders wie Ihr
Wenn Ihr genauer hinschaut
Keine Angst. Kommt. Kommt näher
Ihr seid uns bereits vertraut
Wir Euch aber nur auf Papier

Jene Schatten am Straßenrand
Das sind keine Fremden
Es gibt keine Fremden auf diesem Land
Es gibt nur Mitmenschen
In anderem Gewand

Wenn Ihr grüsst, grüsst uns auch
Lehre uns Euer Land lieben
Erweckt in uns Eure Sitte und Euren Brauch
Denn die Dinge, die Euch betrüben
Bewirken bei uns dasselbe Gefühl im Bauch

Wer will denn nicht nach Oben streben?
Und das Eigene beschützen
Und weiterentwickeln und Wertes zurückgeben?
Auch ohne uns gegenseitig zu duzen
Ergänzen und bereichern wir uns das Leben.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUSTAUSCH

Ich traf die Gesellschaft
Während meiner Wanderschaft
Wie Mensch Mensch begegnet
Gegenseitig mißverstanden wir uns
Über Politik, Sitte, Kunst
Schieden mit kühlem Gruß abgesegnet

Nur viel später in der Nacht
Bin ich schlaflos aufgewacht
Geweckt von einem Fremden
Der jetzt meine Seele geworden war
Denn meine war nun weg, und zwar
Wohnt sie im heut getroffnen Fremden.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung