DIE LANGE REISE

Wichtiger als der Ort
an dem Du lebst, ist
der Ort, der in Dir lebt.

Die meisten Migranten
kommen niemals an -
Wer hat das noch nicht erlebt?:

Du besuchst einen Einwanderer
Zuhause, findest dort eine Hülle
dessen Geist noch auf dem Weg klebt.

Und sie warten und warten
auf die Familienzusammenführung
mit sich selbst. Unvollendete Reime.

Fahrzeuge, Boote, Flugzeuge
sind alle viel zu schnell -
Ans Ziel bringen Dich alleine
Deine eigenen Beine.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MITFLIEGENDE WURZELN

Das Flugzeug ist voller
Wurzeln, die bis zum Boden - fast -
reichen.
Die sitzen fest angeschnallt
sehnen sich nach der Landung.

Ihre Geschichten, ihre Schicksale,
wie Schleifen,
hängen außen vom Flugzeugrumpf herunter,
sichtbar nur dem Hellseher,
dem Fantasieregen und dem Dichter,
fliegen im Wind, mitgezerrt, flatternd hinten
wie hundert Schwänze.
Sie sind die Wurzeln der Reisenden
und sehnen sich ebenso nach dem Boden,
nach Erdung.

Sanft war die Landung.
Die Menschen setzen Fuß auf festen Boden.
Ihre Wurzeln bohren sich wieder in die Erde.
Nur ihre Träume und ihre Wünsche, diese
fliegen weiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBER GEPÄCK

Soll ich stärker werden
oder weniger Gepäck tragen?

Wenn ich weniger Gepäck trage
werde ich schwächer werden.

Wenn ich schwächer werde,
werde ich noch weniger Gepäck tragen.

Wenn ich nicht schwächer werden möchte,
muß ich mehr Gepäck tragen.

Wenn ich stärker werde,
trage ich - gefühlt - weniger Gepäck.

Nicht mehr.

Und wenn ich daran sterbe?
Dann trug ich mein ganzes Gepäck bis zum Schluss.

Mehr nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALTE FREUNDE

Wie oft sah ich diesen Sonnenuntergang,
einen Freund meines Staunens
und meines Träumens,
meines Ruhigseins jeden Abend -
Er war umrahmt aber nicht mit Eichen und Tannen,
sondern mit Irokos und Palmen und
bildete den Hintergrund zu meiner Kindheit
am Äquator.

Nie hätte ich gedacht,
daß Jahrzehnte später eben er
mein Halt und mein Trost sein würde,
meine Orientierung hier oben im Norden -
Wo weder der nördliche Stern noch
die Nordlichter mir den Weg nach Hause
weisen konnten,

hast Du - schöner Sonnenuntergang -
mich zu mir zurück geführt,
umrahmt von Tannen und Eichen
und langsamer geworden
aber Du bist es noch. Du bist es noch.
Kinder erkennen immer ihre Freunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EXISTENZ

Ich habe Afrika in Afrika verloren
und in Europa wieder gefunden.
In mir.

Europa fand ich nie.
Wie eine Geschichte,
die immer weiter erzählt wird
doch niemals so existierte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DRAUSSEN

Lohnt es sich?
Der Gang nach Außen.
Der Ausflug ins Fremde.
Die Trennung von Zuhause.
Auf Deiner Haut fremde Hände.
Aufleben oder Pause?
Anfang oder Ende?
Drinnen findest Du draußen,
während ich mich von mir entfremde.
Hoffentlich lohnt es sich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEWEGLICHE STILLE

When ich Dich berühre,
sonderbar, berührt es mich.
Doch warum,
wenn ich mich finden will,
verlasse ich jedes Mal Dich?

Stopp! Komm nicht näher!
Du darfst mir nicht folgen in die Klamm,
verstehe mich richtig
Ich gehe, weil ich komme, immer wieder -
Halte Dich nur klamm.

Sei mein Ende
Meine Wege sind viele und unergründlich
Lass mich ruhig gehen
Alles hat ein Ende, warte dort auf mich
denn am Ende gibt es nur Dich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TEL AVIV

Palmen wehen
wedeln
winken im Wind

tauchen in der Ferne auf

Psalmen singen
ringen
klingen in meinem Herzen drin

tauchen aus einer Erinnerung aus

an die ich mich nicht erinnern kann.

Ich suche mein Gedächtnis gründlich ab
wandle wie in einer Wüste mit Wanderstab
von einem zum nächsten leeren Grab…

Der Geist wanderte aus ihnen schon lange aus;
kehrt er zurück, angezogen, dann als neuer Mann.

Die Straßen Tel Avivs
sehen aus wie die Straßen von
Hunderten von Großstädten der Welt,
voller menschelnden Menschen
in der Art von Hier und Jetzt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Yafo
Yafo
Tel Aviv


			

TÄGLICH DICHTEN

Täglich dichten hat mir beigebracht,
egal wie schön der Tag war oder die Nacht,
mich zwingen zu können, Gestern zu beenden,
mich der Rätsel widmen von Heute ausgedacht,
den Empfindungen, die heute in mir trenden.

Gestern verlassen fällt mir täglich heute schwer,
bringt mir doch der Tag jeden Tag immer Mehr,
mehr von mir, und mehr von Weniger von mir,
häufig war ich zum Tagesende völlig leer
des Alten, und voll mit neuem Lebenselixier.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JENSEITS IST DIESSEITS

Ich träumte, ich drehte mich um und sah Dich um mich trauernd, mich vermissend. So fiel es mir ein, oder auf, daß ich Dir wohl irdisch verstorben war und längst beerdigt. Ich mußte es zwischenzeitlich vergessen haben, den Tod und die Beisetzung, denke ich, denn alles, was ich weiß, ist, daß ich hinüber und weiter gegangen bin. Ich, unverändert, und immer noch am Leben. Und lebend sein fühlte sich, wie auf der Erde, so normal an.

Du warst dennoch so weit weg. Doch sah ich Deine Trauer wie eine Kerze im Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite unter der Brücke. Und Du warst selbst die stete brennende Kerze. Oh, wie ich Dich trösten wollte… Aber Du hörtest und sahst mich nicht wie früher. Das war‘s, was weh tat.

So entschloss ich mich, Dir ein letztes Gedicht zu schreiben, denn Du warst immer die erste, die meine Gedichte lass, und hast sie immer tief empfunden. Sicherlich würdest Du diese auch empfangen und empfinden, wenn ich sie Dir aus dem Dir Jenseits mir Diesseits sende … oder leise vorlese…, dachte ich, hoffte ich. . Es war mir selbstverständlich aber wissen wusste ich es ehrlich gesagt nicht. Mehr konnte ich aber nicht mehr tun.

Also fing ich an, dieses Gedicht zu schreiben:

Auch wenn Du denkst, ich bin gestorben,
bin ich Dir viel näher, als Du denkst…
Gleichzeitig näher und weiter als Deine Gedanken,
ganz egal, wie wo Du sie hin lenkst…

Ich will aber, daß Du Dich umdrehst
und Dich Deinem Erdenleben voll widmest;
Dein Weg empor in unser Ziel liegt wie Stufen
in jedem Moment, in dem Du irdisch noch atmest.

Und dann wachte ich aus dem Schlaf auf und siehe da, es war ein Traum. Und das Leben fühlt sich, wie immer, normal an, egal in welcher Zeit und in welchem Raum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung